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Glaube - Leben - Popkultur

“Meine Kirche ist OpenSource”

Bei jedem Städtetrip hat mich normalerweise meine bildungsbürgerliche Erziehung fest im Griff. Brav informiere ich mich über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, wobei ich in der Regel kulturgeschichtlich Bedeutsames dem Kuriosen vorziehe. In Aachen zog mich allerdings nicht wie üblich die größte Kirche der Stadt an – sondern die kleinste…

 

Mitten in der Aachener Innenstadt, nur einen Steinwurf weit weg vom altehrwürdigen Dom, liegt kafarna:um. So nennt sich ein Jugendkirchenprojekt, über das ich schon so manches gelesen hatte. Da ich zufällig in Aachen bin, will ich mir selbst ein Bild machen. Ich bin nicht angemeldet, klingle einfach so an der Tür des schmucken Stadthauses. Es öffnet mir Fabian, der zwar kurz überrascht scheint, dass da jemand “einfach so” kafarna:um kennen lernen möchte, er führt mich dann aber ohne Zögern in die Wonhküche und bietet mir gleich einen Kaffee an  – mit Milch, “die garantiert heute erst geöffnet wurde”.

Kafarnaum hat wenig gemeinsam mit den Jugendkirchenprojekten, die mir bisher begegnet sind. Der erste Unterschied besteht darin, dass hier nicht eine (ohnehin nicht mehr wirklich benötigte) Kirche “für die Jugend” umfunktioniert wurde. kafarna:um ist nämlich eine Hauskirche, man könnte auch sagen, eine WG-Kirche. Mit Wohnküche, Arbeitszimmer, Lounge im Keller und einer Hängemattenwiese. Der größte Raum ist allerdings für den Gottesdienst bestimmt. Jeden Donnerstag ist Taizégebet. Regelmäßig wird auch Eucharistie gefeiert. Darin sieht auch Thanh, die in der Ecke auf einem Mac herumsurft, den Hauptunterschied zu einem normalen Jugendzentrum. Die meisten Leute kommen am Donnerstag zum Gebet und sitzen anschließend noch zusammen. Aber das Leben in kafarna:um geschieht nicht nur um die Highlights herum. “Es ist immer jemand da. Deshalb fühle ich mich hier zu Hause”, sagt Thanh.

Für Fabian, der mir nach dem Kaffee eine kleine Wohnungs-/Kirchenführung gibt, spielt eine große Rolle, dass man unkompliziert eigene Ideen verwirklichen kann. Begeistert erzählt er mir, wie sie das Sonnendeck im Hof bei der 72-Stunden-Aktion selbst hergerichtet haben oder wie die Pläne für das Tonstudio im Keller aussehen. Ob jemand das Altarbild im Gottesdienstraum umgestalten, die iMac-Station mit Skype-Anschluss in der Diele installieren oder einfach eine Filmnacht organisieren will – rasch werden Mitstreiter gesucht, die das Projekt realisieren wollen. kafarna:um ist eine Open-Source-Kirche. Jeder kann zur Optimierung oder – in diesem Zusammenhang vielleicht passender – Verlebendigung der Gemeinde beitragen. Der 23-jährige engagiert sich auch im Gemeindeteam, das kafarna:um auch nach außen vertritt. Denn die Hauskirche gehört als selbständige Teilgemeinde zur Aachener Innenstadtpfarrei St. Franziska.

Die Predigt kommt schon mal per Skype aus Mexiko

Diese Anerkennung hatte das Jugendkirchenprojekt in den Aachener Innenstadtpfarreien nicht von Anfang an. Ihre Gründungsgeschichte klingt ein bißchen nach Guerilla-Taktik. Sie ist nicht in einem Generalvikariat ersonnen und auf dem Reißbrett geplant worden, sondern von unten gewachsen. Florian Sobetzko, Jugendseelsorger und Gründer von kafarna:um macht sich zwischen einem Seelsorgegespräch und der Jahresabrechnung auch kurz Zeit für mich und erzählt von seinem ersten Büro mit 60er-Jahre Charme. Mit einigen motivierten Mitstreitern entstand darin nach gründlicher Renovierung die erste Version kafarna:ums, sozusagen eine Mikrojugendkirche auf 29 Quadratmeters. Gegen den Trend und zahlreiche Bedenkenträger wuchs die junge Gemeinde, so dass bald der Umzug ins jetzige Domizil erfolgte. “Wir sind zahlenmäßig die kleinste Gemeinde in der Stadt, aber mit Sicherheit eine der aktivsten”, resümiert der frühere Mac-Verkäufer.

kafarna:um hat vieles, was gute Apps auch haben. Die Idee ist so verblüffend einfach, dass man sich dauernd fragt, warum keiner früher darauf gekommen ist. Natürlich handelt es sich bei einer Hauskirche um kein völlig neues Projekt in der Christentumsgeschichte, sondern eher um ein vergessenes. Außerdem ist die Benutzeroberfläche Kafarnaums schlicht, ohne überflüssiges Gedöns und Effekthascherei. Die Technik dahinter scheint aber, zumindest nach meinem kurzen Eindruck von außen, wunderbar zu funktionieren. Es sei schwer zu schätzen, wie viele Menschen zu Kafarnaum gehören, sagt Florian. Einige schauen nur ab und zu vorbei, manche haben dort ihr zweites Zuhause und halten den Nachmittagsschlaf auf der Couch in der gemütlichen Lounge, wieder andere werden während des Gottesdienstes per Skype aus dem Auslandsaufenthalt in Mexiko zugeschaltet, um den Schrifttext auszulegen. Als ich mich von Fabian, Thanh, Florian und den anderen netten Menschen in Kafarnaum verabschiede, denke ich noch, dass ich mir meine Kirche eigentlich immer so wünschen würde, wie ich sie an diesem Nachmittag erlebt habe. Einladend, an Menschen interessiert, begeisternd. Dann wäre der Slogan “Meine Kirche ist die schönste” weder Kampfparole noch Werbemasche ist – sondern einfach die Wahrheit.

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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