Pages Navigation Menu

Glaube - Leben - Popkultur

Für immer Golgotha?

 

© Felix Abraham / fotolia.com

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer Woche voller Osterfreude stellt mancher sich die Frage, was von dem hohen Fest bleibt, wenn die symbolgeladene Liturgie der Kar- und Ostertage in der Erinnerung verblasst. Jan Derr berichtet von einem Härtetest:

Karfreitagsstimmung macht sich breit, Dunkel und Angst – allein bei der Vorstellung, dass ein junger Erwachsener Anfang 20 sich mit dem Gürtel auf der Toilette einer öffentlichen Einrichtung erhängt. Für Polizisten und Mitarbeiter im Rettungsdienst ist dies öfters die blanke Realität, als wir es uns vorstellen können.  – Für mich als Notfallseelsorger ist es auch ein Teil der Arbeit und auf der Anfahrt zu diesem Einsatz schießen mir viele Fragen durch den Kopf und ich muss schließlich das Radio ausdrehen, weil die Musik meinen Herzschlag nur noch anspornt.

Wie verzweifelt muss ein junger Mensch sein, um sich das Leben zu nehmen? Hatte er nicht einmal mehr ein Funken Hoffnung? Oder erhoffte er sich gar etwas durch seinen Freitod? Was werde ich in den vielen Gesichtern der Leute vor Ort sehen?
Dieser Einsatz endet für mich noch auf der Fahrt, da ich wieder abberufen werde, da die Angehörigen weggefahren sind. „Glück gehabt“, kann man sagen. Doch die Fragen bleiben.
Ist diese Welt so grausam, dass es nicht lebens-wert ist, darauf zu leben? Ist unsere Gesellschaft so krank, dass sie keine Perspektiven mehr bieten kann? Und welchen Halt gibt mir mein christlicher Glaube? Ist die Auferstehung nicht auch Hoffnungsschimmer für jemanden, der die Welt nicht mehr aushält?

Die bedrohliche Stille und Ohnmacht nach einem Suizid, gerade eines jungen Menschen, stelle ich mir genauso grausam vor wie die Stille und Ohnmacht der Jünger unter dem Kreuz, als Jesus tot daran hing. Für mich gibt es aber auch ein Gefühl der Hoffnung: die befreiende Stille am Ostermorgen, wenn über Golgotha die Sonne aufgeht und das Kreuz weite Schatten wirft. Das Kreuz bleibt, aber das Leben siegt!

Die Fragen bleiben und die Aufgabe, junge Menschen für das Leben zu begeistern, fordert mich immer neu heraus – und die Hoffnung auf Ostern lebt!

 

 


Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

Letzte Artikel von Jan Derr (Alle anzeigen)

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>