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Gideon Nowitzki und die Schiffbrüchigen

Während der letzten Woche ist viel geschrieben worden über Dirk Nowitzki. Jetzt wo der gebürtige Würzburger zum ersten Mal die NBA-Championship gewonnen hat, erfährt er auch in den Medien seines Heimatlandes mehr Aufmerksamkeit. Nach dem Abpfiff bleibt die Frage: Wieso fühlt sich der Dallas-Sieg so richtig an?

Quelle: commons.wikimedia.org

In den USA wird Sport anders präsentiert und auch anders kommentiert als in Deutschland. Abgesehen davon, dass die Kommentatoren anders als hierzulande gute Entertainer sind, begnügen sie sich nicht damit, das Offensichtliche mitzuteilen, wie es deutsche Fußballkommentatoren tun („mehr Ballbesitz für Barcelona“), als säße der Zuschauer am Radio und nicht vor einem HD-Bildschirm. Sie erklären und zeigen vielmehr warum das jeweilige Spiel so läuft wie es läuft. Welche taktischen Manöver warum funktionieren oder warum nicht. Sie besitzen aber auch ein feines Gespür für die besonderen Momente des Sports, für die Geschichten hinter den Statistiken und Ergebnissen.

Als sich das sechste Spiel der Finalserie zwischen den Dallas Mavericks und den Miami Heat dem Ende näherte, begannen die ABC-Kommentatoren bereits mit der Deutung des Geschehens. „This was a group of castaways and now they are champions!“, sagte Mark Jackson. Eine Gruppe von Verworfenen, von Schiffbrüchigen war da gerade dabei, den begehrtesten Titel dieser Sportart zu gewinnen. Tatsächlich hätten nur die wenigsten vor Beginn der Playoffs mit den Dallas Mavericks gerechnet. Zu alt seien sie, zu oft hätten sie in den vergangenen Jahren in den Playoffs versagt und überdies fehle ihnen die nötige Abgebrühtheit, um die engen Spiele am Ende der Saison für sich zu entscheiden. Tatsächlich waren die meisten Leistungsträger der Mavs (teils weit) jenseits der 30 und nicht einer von ihnen hatte die Championship gewonnen, obwohl ihre individuellen Qualitäten außer Frage standen. Aber gegen die geballte Superstar-Power der Miami Heat mit Dwyane Wade, LeBron James und Chris Bosh waren die alternden Mavericks klarer Außenseiter.

Eine Gruppe Schiffbrüchiger gewinnt den Titel

Wenn man bedenkt, wie stark US-Basketball von spektakulärer Athletik geprägt ist, wie es die Heat-Stars um James und Wade verkörpern, verwundert es eigentlich, dass die Mavs die meisten Fans hinter sich hatten. Das mag auch daran gelegen haben, dass Miami, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade das beliebteste Team der NBA ist. Aber es gibt noch andere Gründe. Ein tief sitzendes Gerechtigkeitsempfinden zum Beispiel, eine Sympathie für den Außenseiter. Es fühlte sich einfach richtig an, dass diese Altherrentruppe sich gegen die großen Individualisten aus Florida durchsetzte. Viele von ihnen waren in ihrer langen Karriere schon einmal ganz dicht dran am großen Triumph und dann doch gescheitert. Sie alle wussten, dass ihnen die Zeit davon lief. Als Jason Terry sich die NBA-Trophäe vor der Saison auf den Oberarm tätowieren ließ, wurde er belächelt und für verrückt erklärt. 2006 waren er und Nowitzki schon einmal ganz dicht dran am Titel – und verloren gegen eben jene Miami Heat. Seine Mitspieler konnte Terry mit seiner ungewöhnlichen Aktion aber offenbar inspirieren.

Teamgeist hieß das Erfolgsrezept, das am Pfingstsonntag zum Titel führte. Wann immer ein Spieler schwächelte, sprangen die anderen für ihn ein. Im letzten Spiel war es sogar Topscorer Dirk Nowitzki, der die gewohnte Treffsicherheit vermissen ließ. Seine Last wurde auf mehrere Schultern verteilt.  Jason Terry, J.J. Barea, sogar Bankdrücker Brian Cardinal übernahmen sie. Wiederum Kommentator Mark Jackson fasste die Begeisterung für diese sportliche und menschliche Leistung in Worte: “Man kann gar nicht anders, als sich für diese Dallas Mavericks zu freuen: Von oben bis unten ein echtes Team”. Coach Rick Carlisle bestätigte bei der Siegerehrung, dass dieser Eindruck nicht nur ein äußerlicher ist. „Dies ist ein Team der alten Schule. Wir laufen nicht schnell, wir springen nicht hoch, aber diese Jungs haben einander den Rücken gestärkt.“

Solche Geschichten vom Zusammenhalt, von einer Gemeinschaft, in der man sich unbedingt aufeinander verlassen kann, sind die Bestseller der Menschheitsgeschichte. Vielleicht deshalb, weil sie im echten Leben so selten vorkommen. Die Bibel jedoch ist voll davon. Das kleine Volk Israel, dass sich als Außenseiter empfindet, als Sonderling unter seinen Nachbarn, dieses Volk ist nur erfolgreich, wenn es sich auf seine Stärken besinnt. Auf den Zusammenhalt der 12 Stämme, auf das gemeinsame Ziel, Gottes Verheißung vom gelobten Land. Vielleicht nehmen wir zu wenig wahr, dass die Geschichte Israels die eines Underdogs ist, der sich gegen alle Widerstände behauptet, weil dieses Volk ein Ziel vor Augen hat und einen festen Glauben, der es auch an bitteren Niederlagen nicht verzweifeln lässt.

Ein Underdog, der auch Niederlagen wegstecken kann

Die Story der Mavericks wäre jedoch unvollständig, wenn man nur auf den guten Teamwork schaute und nicht auch auf den Topscorer Dirk Nowitzki. Während der Finals übertrafen sich die verschieden Analysten gegenseitig darin, an welcher Position der 20 besten Basketballer aller Zeiten sie den blonden Deutschen einstufen würden. Sie waren sich aber einig, Nowitziki von Herzen zu gönnen, dass er seine außergewöhnliche Karriere endlich auch mit der Championship krönen würde. Die Hochschätzung für Nowitzki erklärt sich allerdings nicht nur aus seinen sportlichen Leistungen. Es kommt nicht oft vor, dass ein Sportler auch im Herbst seiner Laufbahn bei dem Team bleibt, für das er seit 13 Jahren spielt, und dabei auf viel Geld verzichtet, um die Mannschaft zu verstärken. Es würde sich nicht richtig anfühlen, mit einem anderen Team als Dallas den Titel zu gewinnen, sagte Nowitzki bei seiner Vertragsverlängerung. Solche Verbundenheit mit dem Klub, bei dem man zum Star gereift ist, findet man nicht gerade oft. Man muss nur mal in Cleveland nachfragen. Oder auf Schalke.

Nowitzki ist anders als die vielen Lautsprecher im NBA-Zirkus. Er ist einer, der selbst nach einem 48-Punkte-Spiel wie gegen Oklahoma City im Interview nicht wie viele seiner Kollegen markige Sprüche klopft, sondern bescheiden die Unterstützung durch seine Mitspieler lobt. Dirk Nowitzki ist der Gideon des Basketballs. Wie der Anführer Israels aus dem Alten Testament ist er in die große Verantwortung hineingewachsen, er nimmt sie an und widersteht der Versuchung sich selbst wichtiger zu nehmen als das gemeinsame Ziel. Als die Schlusssirene in Miami ertönt, flüchtet Nowitzki regelrecht in die Kabine. Später sagt er, er habe ein paar Minuten für sich gebraucht um zu verarbeiten, was gerade passiert ist. Weg von den Kameras, dem Ruhm, den Superlativen. Ich habe schon viele Sportübertragungen gesehen. Manche Sieger rennen jubelnd wie kleine Kinder über das Spielfeld, manche gehen zuerst zu den Verlierern und drücken ihnen ihren Respekt aus, manche sinken medienwirksam auf die Knie und gehen in sich. Aber ich habe noch nie einen Sportler gesehen, der sich im Moment seines größten Erfolgs allen Augen entzieht. Der nur mit sich und seinen Emotionen allein sein will. Ich frage mich, was in diesen paar Minuten in Dirk Nowitzki vorgegangen ist. Vielleicht hat er an alle Menschen gedacht, die ihn bis hierhin begleitet haben? Vielleicht war da ein Gefühl von Dankbarkeit? Vielleicht hat er gebetet?

Gott sei Dank gibt es solche Geschichten, in denen der Einzelne seine Bedürfnisse zurückstellt, damit die Gemeinschaft funktioniert. Sichtlich bewegt sagte Jason Kidd, der 38-jährige Veteran der Mavericks: „Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir diesen Weg gegangen sind, den Charakter meiner Mitspieler, die mir sagten, dass sie mir eine Meisterschaft schenken wollen“. Glücklich ist, wer Teil eines solchen Teams ist – oder sich von Gideon inspirieren lässt.

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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