Pages Navigation Menu

Glaube - Leben - Popkultur

Auf dem Prüfstand

Ein halbes Jahr ist Clarissa durch die Welt gereist. Von der arabischen Halbinsel über Indien nach China und Südostasien. Kaum vorstellbar, dass sie bei einer solchen Weltenstürmer-Tour nichts von Manna-Format erlebt hat, dachten wir uns.

Ich hatte mich entschlossen, dem lauten indischen Stadtleben für eine Weile zu entfliehen und aufs Land hinauszufahren. Das kleine Örtchen Mandu, das ich besuchen wollte, war eine 17stündige Zug- und eine undefinierte Busreise entfernt.Es war meine erste Zugreise in Indien und so bestieg ich den Zug in Jaipur mit gemischten Gefühlen. Kaum hatte ich mein Abteil gefunden und mich hingesetzt, kamen zwei charismatische Inderinnen mit zwei entzückenden Kindern hereingeschneit, laut und fröhlich, die bei meinem Anblick alle etwas stutzig wurden und mich verwundert anschauten. Die ältere der beiden Frauen ließ sich nieder und fragte mich unverblümt, wieso ich denn als Europäerin im „Arme-Leute-Abteil“ säße – ganz ohne Klimaanlage und Privatsphäre – wo ich mir doch sicher auch ein besseres Abteil leisten könne. „Ich hasse Klimaanlagen!“ war meine knappe und unvollständige Antwort auf diese vielschichtige Frage. „Ha! Ich hasse Klimaanlagen auch!“ Wir alle lachten und das Eis war gebrochen.

In den nächsten Stunden erfuhr ich, dass die Ältere der beiden Frauen Gynäkologin und das Oberhaupt eines ganzen Clans von über 40 Familienmitgliedern aller Generationen war, die in Jaipur alle unter einem Dach zusammenlebten. Die beiden Frauen waren sehr neugierig und begannen sofort, mich auszufragen.

“Ihr hortet euer Geld und teilt nicht mit euren Geschwistern”

Sehr schnell fand ich mich mich mit Vorurteilen über uns Europäer konfrontiert: „In deiner Kultur schiebt ihr eure Kinder ab in die Krippe und eure Eltern ins Heim. Jeder wirtschaftet für sich selbst, ihr hortet euer ganzes Geld und teilt es nicht mit euren Geschwistern. Ihr sorgt nicht füreinander. “Ich fragte die Ältere, ob sie als Gynäkologin denn nicht arbeiten gewesen sei. „Natürlich habe ich gearbeitet, aber in der Großfamilie ist immer jemand für die Kinder da. Dafür habe ich lange dazu beigetragen, die Familie zu ernähren. Jetzt gehe ich nicht mehr arbeiten, das macht aber nichts, das tun jetzt die Jüngeren, dafür passe ich gerne auf die Kinder auf. Wir helfen uns gegenseitig aus. In deiner Kultur sorgen sich alle ständig um die Zukunft. Ich sorge mich nicht um die Zukunft. Unsere Zukunft ist sicher. Es wird immer jemand da sein, der arbeiten kann.“

Gegen Mittag – ganz nach indisch-mütterlicher Manier – wurden Berge von selbst gekochtem Essen ausgepackt und ich wurde genötigt, reichlich davon mitzuessen. Für allgemeine Überraschung und Freude sorgte ich, als ich die Frage ob ich Fleisch oder Eier esse mit „nein“ beantwortete. (Was zugegebenermaßen nur eine Halbwahrheit war; eine Schutzbehauptung meinerseits, nachdem ich auf dem Markt das fliegenübersäte Fleisch und die ungekühlt gelagerten Eier gesehen hatte und beschloss, mir den Gefallen zu tun, in Indien auf beides zu verzichten.) Trotzdem interessierte mich die allgemeine Begeisterung, auf die ich angesichts meines Pseudovegetarismus in Indien bereits ein paar Mal gestoßen war und ich fragte, was es damit auf sich hatte: „In deiner Kultur habt ihr keinen Respekt vor dem Leben. Tiere sind unsere Mitlebewesen und es bringt schlechtes Karma, sie zu essen; sie sind nicht weniger wert als wir.“ Aus dem Mund eines deutschen Vegetariers hätte mich dieser Satz genervt. Aus dem Mund eines Althippies hätte er mich zum Lachen gebracht. Aus dem Mund einer indischen Großmutter brachte er mich zum Nachdenken.

Das Ziel: Ein besserer Herrscher sein

Während die beiden Frauen sich zum Mittagsschlaf hinlegten und ich die beiden Kinder in meinem Schoß wiegte, gingen mir die frappierenden Unterschiede in der Betrachtung der Welt nicht aus dem Kopf. Viele Hindus, die ich kennenlernen durfte, sehen Tiere als eine mögliche Wiedergeburtsform für sich an, daher hat für sie jedes Tier seinen Platz, eine Persönlichkeit, eine Seele, die es zu respektieren gilt. Wir Christen halten uns für die Krone der Schöpfung „Machet euch die Erde untertan.“  Das ist unsere Legitimation mit der wir so ziemlich alles aus der Erde quetschen, was sie hergibt und  mit der wir Fleisch und Eier aus Massentierhaltung im Supermarkt kaufen. Ganz schön blöd, falls wir irgendwann mal danach beurteilt werden sollten, wie wir unsere Untertanen behandelt haben. Mir ist klar, dass sich viele Christen um ein nachhaltiges Leben bemühen und dass in Indien manche der größten Umweltschweinereien weltweit passieren. Aber ich für mich persönlich – im ganz kleinen Stil – habe beschlossen, dass ich versuchen muss, ein besserer Herrscher zu sein. Perfekt bin ich nicht, Fleisch mag ich ab und an immer noch, aber ich esse weniger davon und achte darauf, wo ich es kaufe und bedanke mich bewusster dafür.

Bei Sonnenuntergang, nachdem wir den Kindern deutsche und indische Wiegenlieder vorgesungen hatten, wurde ich Zeugin der Familien-Abendzeremonie. Versunken, sich an den Händen haltend, stimmten die beiden Frauen ein wunderschönes Abendgebet an, ein etwa 20 minütiger Gesang, so wie sie es sonst jeden Abend im Kreis ihrer Großfamilie für den Schöpfer singen. Ich saß ihnen gegenüber – allein reisende Europäerin, selbständig, stolz, frei und unabhängig – und ich betrachtete diese beiden Frauen, die mich so herzlich aufgenommen hatten und die völlig im Einklang mit sich und dieser Welt und allem Kommenden leben. Wie weit bin ich davon entfernt.

 

Clarissa Zimmer hat schon alle Kontinente bereist und trotzdem noch nicht genug. Eigentlich geht es ihr immer dann besonders gut, wenn sie unterwegs ist. Weil es ein Medizinstudium “to go” aber noch nicht gibt, studiert sie normalerweise in Dresden.

 

1 Kommentar

  1. Hallo, ein schöner Reise-Bericht…
    Nur ein kleiner Denk-Anstoß zum Thema “Krone der Schöpfung”: auf was alles zuläuft in den sechs Tagen, das ist doch eigentlich gar nicht der Mensch – sondern der siebte Tag. Der Shabbat (oder eben der Sonntag) – nicht der Mensch – ist die Krone der Schöpfung. Wir haben sie nur zu bebauen und zu bewahren… Mir hilft das jedenfalls ein bisschen herunter vom “herrschen und untertan machen”.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>