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Glaube - Leben - Popkultur

“Das ist Weltjugendtag!”

Schöne Begegnungen, Jugendliche, die stolz ihr Land repräsentieren, Internationalität, Motivation, Mut und Begeisterung, unkontrollierte Menschenmassen, Spiritualität, Where are you from?, Rücksichtslosigkeit, Gesänge, Tänze, Jubel, Fahnen, unzählige Voluntarios, Hütetausch, Mittagessen in einer Stierarena, Egoismus, …

 

 

Der kleine Junge wartet gelangweilt an der Straßenecke. Als er die vollbesetzten Autos erblickt, flitzt er zur Menschenmenge. „Da kommen sie! Da kommen sie!“ Endlich, die lang erwarteten Gäste aus Deutschland. Als sie aus dem Auto steigen, werden sie mit Applaus und Jubel begrüßt. Herzliche Umarmungen. „Ihr habt bestimmt Hunger. Wollt ihr etwas waschen? Wir zeigen Euch zuerst mal das Haus und Euer Zimmer.“

Das ist Weltjugendtag.

Ein U-Bahnschacht. Viel zu viele Menschen. Wenige Zentimeter über ihren Köpfen bereits die Tunneldecke. Der Brustkorb liegt press am Rucksack des Vordermannes. Im Rücken die Schulter der Hinterfrau. Blaue Hüte soweit das Auge reicht. Klares Erkennungszeichen: Italiener. Wer immer noch nicht sicher ist, wird vom Schlachtruf überzeugt: „I-ta-lia-no batti le mani.“Mittendrin eine Frau, tränenüberströmtes Gesicht. Platzangst. Sie will einfach nur raus. Sie versucht, sich durch die Menge zu kämpfen. Niemand achtet auf sie. Ellbogen rammen ihre heißen Wangen. Ihr Körper zittert unter dem Schluchzen. Sie kommt nicht raus. Sie macht die Augen zu und fällt.

Das ist Weltjugendtag.

Retiro-Park in der Madrider Innenstadt. „Das gibt es doch gar nicht. Du hier! Wie geht’s Dir?“ Zwei Jugendliche fallen sich in die Arme. Verschiedene Länder, verschiedene Kulturen? Völlig zweitrangig. Die überraschende Wiedersehensfreude nach drei Jahren ist riesengroß.

Das ist Weltjugendtag.

Ein Metro-Abteil. Ein Mann im Anzug liest Zeitung. Sein Nachbar hat die Augen geschlossen. Die Bahn fährt in die Station Colón ein. Der vollbepackte Bahnsteig ist bunt: Fahnen, Rucksäcke, Hüte. Die Schlachtgesänge vom Bahnsteig, die durch die Fensterscheibe gedämpft werden, lassen den Spanier aufschrecken. Mit den Fäusten trommeln die ersten Jugendlichen gegen die einfahrende Bahn. Der Mann knüllt seine Zeitung zusammen, packt seine Aktentasche. Mit zwei Schritten ist er an der Tür. Er drückt sich gegen die hereinströmenden Jugendlichen. Die Meute beginnt in der Bahn auf und ab zu springen. Auf den Knien des Vaters schreit ein Kind. Es hält sich die Ohren zu. Hinter der bunten Menge, ganz am Ende des Bahnsteigs, erhascht man noch einen letzten Blick auf den Spanier. Er ordnet seine Kleider. Da rennt ein junger Deutscher an ihm vorbei und schlägt ihm die Tasche aus der Hand. Der Spanier bückt sich, während der Deutsche gerade noch in die sich schließende Metrotür springt.

Das ist Weltjugendtag.

Über eine Million Leute auf einem riesigen Flughafengelände. Stehende Hitze. Die Ohren blenden die ständigen Krankenwagensirenen aus. In der flimmernden Hitze glitzern die Staubpartikel, die die vielen Füße aufwirbeln. Vollbepackt mit Isomatte und Schlafsack, auf der Suche nach einem Zipfel freiem Boden. Nach langen Stunden: das Papamobil auf den Großleinwänden. Jubel. Der Himmel wird immer dunkler. Näherrückendes Donnergrollen, die ersten Regentropfen und Wind. Heftiger Wind. Luftmatratzen und Planen werden durch die Luft gewirbelt. Die Tropfen werden dicker. Die Sonnenschirme werden zu Regenschirmen umfunktioniert, doch der Wind ist zu stark. Einige packen hektisch ihre Sachen zusammen, machen sich auf den Heimweg. Andere tanzen und singen im Regen. Ein Bauzaun fliegt durch die Luft. Aufgebrachte Security-Männer. Ein zartes Niesen über die Lautsprecher. War das der Papst? Die Großbildschirme werden schwarz. Zeitweilige Unterbrechung der Vigilfeier. Freudige Regentänze mischen sich mit Panik. Ein Mädchen hat sich unter einem Regenschirm verschanzt. Sie winkt: „Komm her, setz Dich zu mir.“

Das ist Weltjugendtag.

„… gebt einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung.“ Der Deutsche streckt den Arm aus, drückt kurz die Hand des Nachbarn. Er dreht sich zu seinem Hintermann um. Dieser greift nach der Hand, zieht den Jungen zu sich heran und schließt ihn in seine Arme, bevor er ihm einen Kuss auf die Wange drückt. Der Kopf des Deutschen kommt wieder zum Vorschein. Sichtlich verwirrt. Eine kleine Sekunde bleibt sein Gesichtsausdruck stehen, dann hellt sich die rote Farbe seiner Wangen wieder auf. Mit einem Strahlen im Gesicht fällt er seinem Banknachbarn um den Hals. „Der Friede sei mit Dir.“

Das ist Weltjugendtag.

Die alte Frau spricht ohne Unterlass auf die Jugendliche ein. Die Deutsche versteht kein Wort. Sie kann die guten Wünsche für die Fahrt nur erahnen. Sie bedankt sich artig auf Englisch. Die Frau winkt ab. Sie zieht ein Tuch aus der Handtasche und trocknet sich die Tränen vom Gesicht. Die Jugendliche drängt, der Bus wartet. Eine letzte feste Umarmung. Inzwischen stehen beiden die Tränen in den Augen. Es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen.

Das ist Weltjugendtag.…keinen Satz habe ich in den vergangenen zehn Tagen öfter gehört. Egal, ob es um chaotische Organisation, jubelnde Jugendliche aus aller Welt, überbesetzte Turnhallen oder völlig durchgedrehte „Pilger“ ging. Ein schulterzuckendes „Das ist Weltjugendtag“ ist die Universalbegründung.

 

Miriam Steimer studiert Politikwissenschaft in Trier und macht daneben eine journalistische Ausbildung. Im Auftrag des Bistums Trier berichtete sie von der Reise der Euregio-Gruppe zum Weltjugendtag nach Madrid und gewann dadurch einen etwas anderen Blick auf das Großereignis.

1 Kommentar

  1. hallo Miriam, du hast ganz gut die WJT verfasst. ich hoffe dass du jetzt lust bekommen hast nach Rio mit zu gehen.

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