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Glaube - Leben - Popkultur

Non plus ultra

Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Meine Art, Nachrichten aufzunehmen, hat sich wie bei vielen anderen durch das Internet grundlegend geändert. Durch das Netz erreicht mich nicht nur das, was schlaue Redakteure in den großen Rundfunk- und Fernsehanstalten für wichtig halten, sondern mit Hilfe von facebook, G+ und twitter erreicht mich täglich mein selbst eingestellter Nachrichtenstream, in dem die „breaking news“ der großen Politik ebenso vorkommen wie aktuelle Infos über meine Lieblingsteams oder die Posts meiner Freunde. Über viele Meldungen aus diesem Grundrauschen lese ich einfach drüber. In den letzten Tagen bin ich aber überdurchschnittlich oft an Meldungen aus Spanien hängen geblieben, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Natürlich gab es in meinem Stream viele Meldungen vom Weltjugendtag aus Madrid. Die offiziellen waren meistens papstzentriert, die persönlichen bezogen sich meist auf das Gemeinschaftsgefühl oder die enorme Hitze. Eine Meldung verband Weltjugendtag und die schon seit Monaten andauernden Jugendproteste in Spanien, die in keinem anderen europäischen Land ein solches Ausmaß erreicht haben. Spiegel Online waren die 5000 Protestler gegen den Papstbesuch eine größere Nachricht wert als die eine Million junge Menschen aus aller Welt, die zusammen gekommen sind, um allen Schuldenkrisen und political correctness zum Trotz ihren Glauben zu feiern. Die Berichte darüber überließ das Hamburger Magazin dem zuständigen Redaktionskatholiken Matthias Matussek. Dass der wiederum alles supi fand und kräftig für eigene kirchenpolitische Vorstellungen warb – geschenkt.

Am Mittwochabend noch hatten Fußballfans in aller Welt beim Rückspiel der Super Copa zwischen Barcelona und Real Madrid die Schönheit dieses Spiels vor Augen und diskutierten tags darauf wieder einmal, ob nun Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi der beste Kicker der Welt ist. Es könnte vorerst das letzte Spiel der Ballzauberer gewesen sein, denn der Start der Primera Division am heutigen Sonntag fällt aus. Die Spieler streiken, weil sie teilweise monatelang auf ihr Gehalt warten müssen. Selbst das Prunkstück dieses Landes mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit in der EU, — der Fußball –, hat zwar eine glänzende Oberfläche, unter der aber vieles kaputt zu sein scheint. Javi Poves hat deshalb genug davon. Der 24-jährige stand bis vor kurzem beim Erstligisten Sporting Gijon unter Vertrag, bat aber nun um dessen Auflösung und will lieber studieren. Er könne es nicht ertragen, so viel Geld fürs Fußballspielen zu bekommen, während in anderen Ländern Menschen verhungern. Ziemlich konsequent. Hut ab, Javi!

Diese Handvoll Nachrichten aus Spanien führen mir die Extreme vor Augen mit denen wir leben. Ein maroder, verschuldeter Staat gilt im beliebtesten Sport der Erde als Maß aller Dinge. Aber auch dieser Erfolg ist auf Pump finanziert und glänzt nur auf den ersten Blick. Die Jugend findet keine Arbeit und geht auf die Straße, scheint aber mit den vielen gläubigen Altersgenossen, die aus aller Welt zu Besuch kommen, nicht viel anzufangen wissen.

“Plus Ultra” – Immer weiter, so lautet der spanische Wappenspruch aus Zeiten, als dieses Land die Welt beherrscht hat. Es könnte aber auch stellvertretend für ein Denken stehen, dass die westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten geprägt hat. Irgendwie scheint den meisten Menschen mittlerweile klar geworden zu sein, dass es so eben nicht mehr weitergeht mit uns. Das Problem ist, dass keiner so genau weiß, wie es anders gehen könnte. Wie bringt man die Demonstranten und die Pilger von heute zusammen? Die, die nach Taten rufen, und die, die den Glauben vertiefen wollen? Mir scheint nur sicher: Glaube ohne Handeln hilft uns genauso wenig wie Aktionismus ohne spirituelle Verwurzelung.

 

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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