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Glaube - Leben - Popkultur

Auslauf für den Schweinehund

Matthias arbeitete in der reformierten Gemeinde in Montpellier mit

Ein Blogmagazin für Weltenstürmer will Manna sein. Hier erzählen Menschen, was sie bewogen hat, den Schritt in ein anderes Land, eine andere Kultur zu wagen, was sie dort erlebt haben – und wie das ihren Blick auf die Welt verändert hat.

Ich bin ein bequemer Mensch. Mein innerer Schweinehund hat die Größe eines Bernhardiners. Mindestens.

Als meine Klassenkameraden im Rahmen eines Schüleraustausches für eine Woche in die Bretagne fuhren, blieb ich lieber zu Hause. Wenn meine Bekannten an einer zweiwöchigen Jugendfreizeit in Spanien teilnahmen, verbrachte ich die Ferien im „Hotel Mama“. Und während mein bester Freund in der elften Klasse für ein Jahr nach Kanada ging und dort eine tolle und aufregende Zeit verbrachte, zockte ich am heimischen PC Eishockey-Simulationen und langweilte mich in der Schule fast zu Tode.

Aber auch Schweinehunde brauchen ab und zu Auslauf.

Meine Mutter war angesichts meiner phlegmatischen Einstellung wohl etwas beunruhigt, denn sie drohte mir in dieser Zeit des Öfteren – halb ernst, halb im Scherz – mich spätestens nach meinem Zivildienst aus dem elterlichen Paradies zu vertreiben. Umso überraschter waren sie und mein Vater dann auch, als ich ihnen zu Beginn meines letzten Schuljahres mitteilte, nach dem Abi ein Auslandsjahr einlegen zu wollen. Im Rückblick kann ich nicht mehr genau sagen, was mich zu dieser Entscheidung getrieben hat. War es Fernweh? Liebeskummer? Oder doch der Wunsch, aus dem immer gleichen Alltagstrott auszubrechen?

Die Antwort lautet vermutlich: Von allem ein bisschen. Und so kam es also, dass ich mich bei der Evangelischen Kirche im Rheinland für einen Freiwilligen Friedensdienst im Ausland bewarb. Freiwilligendienste im Ausland werden von vielen Organisationen angeboten, die Palette reicht von laizistischen Hilfsgesellschaften wie dem Roten Kreuz bis zu Trägern mit christlichem Hintergrund wie EIRENE oder eben der Rheinischen Landeskirche. Als Zielland gab ich Frankreich an, denn Französisch hatte ich lange in der Schule gehabt und Paris oder die Côte d’Azur schienen mir doch erstrebenswertere Wohnorte zu sein als zum Beispiel die russische Industriestadt Pskow oder eine brasilianische Favela.

Man muss es ja nicht gleich übertreiben mit der Abenteuerlust.

Das Hugenottenkreuz

Es wurde Montpellier, eine größere Stadt in der französischen Region Languedoc-Roussillon, nicht weit vom Mittelmeer entfernt. In Montpellier arbeite ich für die dortige Église Reformée, die evangelische Kirchengemeinde der Stadt: Vier Pfarrer, einige hundert Gemeindemitglieder, und eine bewegte Geschichte. Die Protestanten stellen in Frankreich nur eine verschwindend kleine Minderheit. Jahrhundertelang wurden sie von den katholischen Herrschern verfolgt; der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. ließ sogar viele von ihnen aus Frankreich vertreiben und die Prediger und Pfarrer hinrichten. Von den Gewalttaten und Grausamkeiten, die damals begangen wurden, zeugen noch heute zahlreiche Gedenktafeln in den Gotteshäusern der Gemeinden. Die Zeit der Unterdrückung und Benachteiligung hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben und dazu geführt, dass ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Kirchenmitgliedern entstanden ist, welches bis zum heutigen Tag fortbesteht. Es gibt sogar ein äußeres Erkennungszeichen, das so genannte „Hugenottenkreuz“, das fast jeder als goldenen oder silbernen Kettenanhänger deutlich sichtbar um den Hals trägt. Vielleicht lag es an dieser speziellen Identität, dass die Kirche am Sonntag  prall gefüllt, die Predigten der Pfarrer so kraftvoll und der Umgang miteinander so familiär und solidarisch war. Jedenfalls war ich überrascht, wie herzlich und unvoreingenommen ich in die Gemeinde aufgenommen wurde.

Meine Aufgabe war es, zusammen mit meiner deutschen Kollegin die Pfarrer beim Konfirmandenunterricht und der Programmgestaltung für die Jugendgruppe zu unterstützen. Kein Neuland für mich, war ich doch schon in meiner Heimatgemeinde als Konfirmandenbetreuer tätig gewesen. Daneben halfen wir beide auch als Techniker in dem kleinen Radiosender der Gemeinde aus – und stifteten in den ersten Wochen erst einmal kräftig Verwirrung, da sowohl unsere Französisch-Kenntnisse als auch unsere technischen Fähigkeiten sagen wir, nun ja, ausbaufähig waren.

“Die Kinder hatten uns schnell ins Herz geschlossen – und wir sie auch”

Trotzdem verbrachte ich ein spannendes und ein ereignisreiches Jahr. Zu Beginn war zwar selbst der Einkauf im Supermarkt („Brauchen wir wirklich zwei Kilo Kartoffeln zum Abendessen?“) noch eine Herausforderung und auch mit der Verständigung haperte es trotz jahrelangem Französisch-Unterricht ganz gewaltig. Aber von Tag zu Tag lief es besser, was auch an der durchweg herzlichen Haltung der Gemeinemitglieder lag. Der Pfarrer, der sich um uns kümmerte, war ein junger Mann voller natürlicher Autorität und der seltenen Gabe, auch komplizierte Zusammenhänge für alle verständlich erklären zu können. Und die Kinder und Jugendlichen hatten uns sowieso schnell ins Herz geschlossen und wir sie auch.

Allerdings: Wo viel Licht ist, da ist auch Schatten. Trotz des freundlichen Empfangs war es schwierig, Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen. Oft fühlte ich mich alleine; die Bekanntschaften, die ich machte, erwiesen sich als oberflächlich und wenig dauerhaft. In solchen Augenblicken halfen mir die Musik, lange Mails an Freunde und vor allem der Gedanke, trotz aller Unwägbarkeiten das Abenteuer Auslandsjahr gewagt zu haben, während die meisten meiner Bekannten weiterhin im Hamsterrad aus Schule und Studium gefangen waren.

Darauf bin ich auch heute, über fünf Jahre später, noch stolz. Ich mache mir nichts vor: Angesichts der Erfahrungen, die andere Freiwillige in Russland oder Brasilien machten, war das Jahr in Montpellier fast wie ein verlängerter Urlaub. Ich habe sicher vieles falsch gemacht, auch einiges richtig und hoffentlich habe ich ein wenig helfen können – in einem Projekt, in dem, wie meine Mitfreiwillige und Mitbewohnerin Amelie es formulierte, „man nicht die Welt retten kann“.

Aber vielleicht habe ich mich selbst gerettet. Habe mich gerettet vor dem alltäglichen Stumpfsinn, vor dem Gefühl der Sinnlosigkeit und dem Schicksal, in meinem alten Leben zu versauern. Für mich war das Auslandsjahr der richtige Schritt zur richtigen Zeit. Neben allen tollen und bereichernden Erlebnissen, neben den ganzen praktischen Lektionen hat es mich gelehrt, dass es sich lohnt, ab und an über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und den inneren Schweinehund von der Leine zu lassen.

Diese Erkenntnis kann mir keiner mehr nehmen.

 

Matthias Bunk kennt sich nicht nur mit Schweinehunden aus, sondern insgesamt mit Tieren, auch wenn er das nicht beruflich braucht. Im Rahmen seines deutsch-französischen Studiengangs lebt er abwechselnd in Eichstätt und Rennes sowie aktuell in Bordeaux.

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