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Glaube - Leben - Popkultur

And the Oscar goes to…

Zwei Back-to-Back Feiertage stehen an. Noch immer feiern die beiden großen Kirchen in Deutschland jede für sich “ihren” Feiertag. Die Protestanten Reformationstag, die Katholiken Allerheiligen. Was gibt es da eigentlich für Vorbehalte? Und welche Erfahrungen werden mit diesen Festen verbunden. Gestern schrieben sie hier zum Reformationstag. Heute tauschen sie die Rollen: Es ist Allerheiligen.

Von Steve Henkel:

Lieber Christian,

Für mich ist Allerheiligen zunächst mit dem Gedanken an den Friedhof verbunden. In meiner Heimat, dem katholischen Saarland, ist es auch bei den Protestanten Brauch, für den Allerheiligentag die Gräber ihrer Verstorbenen zu schmücken und an die Toten zu denken. Nur Kerzen gibt es auf den evangelischen Gräbern nicht, denn wie meine Großmutter mir als Kind sagte: “Das haben nur die Katholiken”. Aber was ist denn “katholisch” in diesen Tagen? Meine lutherische Kirchengemeinde feierte gestern den Reformationstag und heute den “Gedenktag der Heiligen”. Trotzdem wird unsere Feier anders sein als die römisch-katholische Allerheiligenmesse. Es wird keine Allerheiligenlitanei geben in der die Heiligen, mit Maria angefangen, aufgezählt und um Hilfe angerufen werden, darunter charmante Namen wie Anastasia, Kosmas und Damianus, und der heilige Pfarrer von Ars. Bei uns Protestanten wird durchaus an heilige Menschen gedacht, nur hängt bei uns ihr Status nicht von der Ernennung durch den Papst ab und – auch wenn wir ihr Leben für ein gutes Vorbild halten – rufen wir sie nicht um Fürbitte an, da bitten wir schon Christus, den Herrn selbst. Steve Henkel, Foto: privatFür mich ist allein schon die schiere -ja schon sprichwörtliche- Dauer einer solchen Litanei befremdlich, als wolle man alle Eventualitäten abdecken, wie die alten Römer, die immer auch einen Tempel für “alle Götter” hatten, um bloß keinen zu vergessen und so zu beleidigen. Alles in allem finde ich es wichtig der Toten zu gedenken und sich an den großen Vorbildern im Glauben zu orientieren nur beim beten, da halte ich mich lieber an meinen lieben Jesus.Dir ein gesegnetes Allerheiligenfest!

Herzlich,

dein Steve

 

 

Von Christian Schröder:

Lieber Steve,

eine Litanei kann in der Tat ziemlich langwierig sein und alle Heiligen aufzuzählen ist ja auch gar nicht das Ziel der Übung. Aber die für die jeweilige Gemeinde am wichtigsten sind, die müssen schon dabei sein. Wenn jemand ein großes Fest feiert und die hassgeliebten Großtanten vergisst, kann das ja auch ganz schön peinlich werden. Die Kirche ist für mich wie solch eine Großfamilie. Dazu gehören alle, auch die, die nicht mehr unter uns leben, und auch die, mit deren Ansichten und Lebenseinstellung ich vielleicht meine Schwierigkeiten habe. Diese Familie nennen wir im Glaubensbekenntnis “Gemeinschaft der Heiligen”. Heilig ist also nicht nur, wer vom Papst formell heiliggesprochen wurde, sondern alle, die zur Kirche gehören – tot oder lebendig. So wenig, wie ich meinen Banknachbarn im Gottesdienst anbete, so wenig bete ich Heilige an. Aber um ein Gebet kann ich beide bitten – tot oder lebendig.

Warum trotzdem so einen Aufwand um die vielen “offiziellen” Heiligen an diesem Tag? Ich will es so sagen: Jedes Jahr im Frühjahr werden für Filmschaffende die Oscars verliehen. Nach jeder Verleihung gibt es Diskussionen, ob dieser oder jener Film diese hohe Auszeichnung verdient oder nicht verdient hat. Für besondere Leistungen wird gelegentlich der Oscar für das Lebenswerk verliehen. In der Regel gibt es hier keine Diskussionen. Die damit Ausgezeichneten sind normalerweise so allgemein anerkannt, dass die Reaktion eher lautet: “Der hat ihn aber endlich mal verdient!” So gesehen ist eine Heiligsprechung für mich so etwas wie der Oscar für das Lebenswerk, aber eben nicht für Schauspieler und Regisseure – sondern für Christen. Es ist gut, dass er nur posthum verliehen wird, das wäre Manchem sonst zu Kopf gestiegen. Aber selbst wenn der eine oder die andere diese Auszeichnung erhalten hat, bei denen wir das heute nicht mehr so direkt nachvollziehen können: Für viele Menschen war er oder sie nicht nur Vorbild im Glauben, sondern auch ein Fürsprecher in schwierigen Zeiten, wenn das Geheimnis Gottes mal wieder besonders undurchdringlich war. Und dazu ist eine Familie schließlich da: Dass sie zusammenhält, wenn’s eng wird.

Ein frohes Allerheiligenfest!

Christian

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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