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Glaube - Leben - Popkultur

Rotes Trikot statt roter Mantel

Heute ist Sankt Martin. Der Mann aus dem französischen Tours bringt auf seinem Ross eine ganz schlichte Botschaft mit: Wer teilt, wird nicht ärmer, sondern reicher.  Die einen teilen ihren Mantel. Andere teilen ihre Zeit: So wie Benedikt Lang, der in der JVA Freiburg einmal pro Woche mit Gefangenen Fußball spielte. Für MANNA schildert er seine persönlichen Erfahrungen, die er beim Kicken im Knast gemacht hat.

Hohe Mauern, gepanzerte Türen, ringsum Stacheldraht – es gibt freundlichere Orte als Gefängnisse. Heute gehe ich nachdenklich, aber zugleich auch irgendwie dankbar zum letzten Mal aus der JVA Freiburg. Über dreieinhalb Jahre lang war ich hier mit anderen Studenten als ehrenamtlicher Mitarbeiter tätig und leitete die ‚Fußball-AG‘, die ich gemeinsam mit Freunden gegründet hatte. Einmal pro Woche besuchten wir die Jugendlichen in der Untersuchungshaft, um mit ihnen Fußball zu spielen. Das war alles andere als ein Streichelzoo. Klar, eingreifen musste ich selten und die Beamten waren auch nie weit weg. Aber wie wäre es ‚draußen‘ gewesen, ohne uns? Wäre ihnen dort ihr Auftreten, das häufig geprägt ist durch ihre Tätowierungen, ihre regelmäßigen Kraftsportsessions und einen nicht gerade zimperlichen Umgang mit anderen, zum Verhängnis geworden?

Wenn man nun uns Studenten zwischen den Jugendlichen der JVA spielen sah, schienen zwei Welten aufeinander zu treffen. Zwar mischten wir die Mannschaften und doch konnte man den Eindruck gewinnen, dass Gewinner und Verlierer schon vor dem Anpfiff feststanden. „Solange ich mich erinnern kann, hat mein Vater mich geschlagen; was erwartest du? Ich kenne nichts anderes“, sagte mir einer. Was auf den ersten Blick wie eine Ausrede klingt, wirkt, wenn man genauer hinschaut, wie ein lauter Schrei nach Zuwendung. Die wenigsten Jugendlichen lassen jemanden Fremdes an sich heran, geben Einblick in ihr Inneres. Zum Einen liegt dies daran, dass die Beamten wie auch die Sozialarbeiter vor Gericht zur Aussage verpflichtet sind und zum Anderen ist es für die Jugendlichen tabu, vor den anderen Schwächen, Fehler und Probleme zuzugeben und zu thematisieren. Denn jede bekannte Schwäche könnte ausgenutzt werden.Jeder, der einen besten Freund, eine beste Freundin hat, der weiß, wie wichtig es ist jemanden zu haben, dem man alles erzählen kann, bzw. wie schwerwiegend es ist, darauf verzichten zu müssen.

Der emeritierte Bischof von Innsbruck, Reinhold Stecher, sagte einmal bei einer Veranstaltung: Je näher wir anderen Menschen stehen, desto barmherziger ‚urteilen‘ wir über sie. Übertragen auf unsere Situation in der JVA bedeutete dies, dass unsere Aufgabe nicht darin bestand, die Jugendlichen zu ‚richten‘ oder sie mit ihren Schwächen und Fehlern zu konfrontieren – das machen sowieso schon viel zu viele Menschen zur Genüge – sondern ihnen zu zeigen, dass sie wertvoll sind, ohne dass sie dafür etwas leisten müssen. Wir wollten ohne große Worte unterstreichen, dass wir bereit waren, an das Gute in ihnen zu glauben. Dass es heute nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint, für ein solches Ideal seine Zeit anderen zu schenken, zeigte sich an der häufigen Nachfrage der Jugendlichen, ob wir denn Geld für unser Engagement bekämen.

Zweifelsohne dürfen die physischen und psychischen Leiden, die die Opfer der Jugendlichen erfahren haben, niemals in Frage gestellt oder verharmlost werden. Die Frage für uns aber war eine andere. Wer sieht das Leid derjenigen Menschen, die auf den ersten Blick ausschließlich Täter zu sein scheinen? Ich bin der Überzeugung, dass eine simple Unterscheidung zwischen schwarz und weiß deutlich zu kurz greift. Es handelt sich hierbei nicht um zwei verschiedene Welten, die aufeinander treffen, sondern stets um eine Welt, in der die einzelnen Menschen zusammenleben, mögen sie noch so unterschiedlich geprägt sein durch ihre Herkunft, ihre Geschichte und natürlich auch ihre Taten.

Mein Anliegen als Christ ist es nicht, jemanden für den Glauben oder gar für die Kirche zu rekrutieren, sondern darauf hinzuarbeiten, dass Menschen fähig zur Freiheit werden. Was hier zunächst nach einer hohlen Phrase klingen kann, bekommt im Blick auf die Jugendlichen in der JVA schnell eine ungemeine Aussagekraft. Wie oft habe ich erlebt, dass diese ein zweites oder sogar ein drittes Mal ins Gefängnis mussten, sie aus der Drogentherapie flogen oder gegen Bewährungsauflagen verstießen. Einen dieser Jugendlichen zur ‚Freiheitsfähigkeit‘ zu begleiten, bedeutet nicht nur ihn unabhängig von meiner Unterstützung zu machen, sondern auch ihm zu helfen, sich von anderen Dingen wie etwa Drogen, zerrütteten Familiensituationen, falschen Freunden usw. zu lösen.

In einer solch schwierigen Situation können solch hohe Ziele als utopisch erscheinen. Eineinhalb Stunden Fußball zu spielen und die zumeist kurzen, oftmals aber intensiven Gespräche dürften wohl keine allzu großen Wunder bewirkt haben. Auf jeden Fall aber haben die Jugendlichen beim gemeinsamen Sport mit uns Studenten Anerkennung erfahren. Auch wenn sie nicht Messi oder Ronaldo sind, haben sie Lob für ihren Teamgeist erhalten und gleichzeitig gelernt, mit Konfrontationen gelassener umzugehen. Ganz sicher konnten wir einzelne Impulse setzen, um die Jugendlichen dabei zu unterstützen, ein ‚echtes‘ Selbstbewusstsein aufzubauen, das nach und nach fähig wird, in Freiheit, d.h. losgelöst von schlechten Erfahrungen und Ängsten, über sich selbst zu entscheiden.

Viele der Jugendlichen sind uns ungemein ans Herz gewachsen. Ich werde auch heute noch nachdenklich, wenn ich an die unzähligen Talente und Fähigkeiten denke, die einfach so brach liegen, die Biographien, die nach Hilfe schreien, manchmal laut, häufig leise. Letzte Woche habe ich einen Brief bekommen: Ein Jugendlicher hat seinen Hauptschulabschluss nachgeholt und eine Ausbildung begonnen; es war das schönste Geburtstagsgeschenk, das er mir hat machen können.

 

Benedikt Lang (27) hat bis zum Sommer Theologie in Freiburg und Fribourg (CH) studiert und arbeitet jetzt als Pastoralassistent in Rheinstetten. Besonders fasziniert ihn die Verbindung von Glaube/Spiritualität und Sport. Auch Spiegelonline hat über Benedikts Engagement berichtet. Den Artikel und eine Fotoserie findet ihr hier.

1 Kommentar

  1. Ein alter Pfarrer sagte: Verkündigt das Wort Gottes, notfalls auch mit Worten.

    Viele Grüße und alles Gute
    Cornelia Krüger

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