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Glaube - Leben - Popkultur

Ich bin müde

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Ich gebe es zu, sie will und will nicht entstehen – die rechte Adventsstimmung, die Vorfreude auf Weihnachten. Glühwein, Lichterschein und besinnliche Musik samt einer kuschligen Atmosphäre auf dem Weihnachtsmarkt stehe ich gleichgültig gegenüber.

Woran es liegt, mag jemand fragen. Schwierig. Vielleicht bin ich müde geworden. Von den Bildern, die mir Kirche und Gesellschaft zeigen, und die sich wie ein Daumenkino Jahr für Jahr wiederholen. Es sind kitschig-bescheidene Kerzen, die im Dunkel der Jahreszeit das Fest der Geburt Jesu ankündigen und die Aufrufe gegen Konsum-Geilheit und für mehr Spiritualität. Es sind die Menschen, die mit ihrer Gottverlassenheit oder Menschenverlassenheit ohne Vertrauen Tag für Tag vor sich hintrotten und dieser Welt verloren gehen. Es sind die Worte von so vielen, die Besserung geloben oder sich einfach mal melden wollten, und es doch nicht tun. Es ist die eigene Sehnsucht nach Frieden, die doch keine Erfüllung findet. Vielleicht in dem Bild von der Krippe, oder besser gesagt: vom Futtertrog, in dem das kleine Kind liegt und lebt.

Ja, am Leben sein. Das ist ein Wunsch, dem ich jedem gerne mit in die Adventszeit gebe. Sich nicht berauschen lassen von dem Duft der Plätzchen, sicht blenden lassen von den vielen Kerzen, sich nicht erkälten am eigenen Misstrauen. Und ja, weil es so schön danach klingt: sich nicht zudröhnen lassen von den Advents- und Weihnachtsfloskeln.

Ich drehe weiter meine Runden, zwar mit müdem Blick, aber noch offenen Augen. Und ehe mich die Müdigkeit übermannt, ziehe ich mich zurück, in die Arme meines Partners, in die Geborgenheit meiner Familie, meiner Familie.

Ich drehe weiter meine Runden, zwar mit müdem Blick, aber wach für die, die untergehen in der schönen Adventszeit.

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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1 Kommentar

  1. Ich freue mich immer wieder an schönen und ehrlichen Adventsgedanken. Nichts ist für mich schrecklicher als das verlogene “sich versöhnen” um die Weihnachtszeit.
    Wie schön, dass es doch noch immer Menschen gibt, die einfach mal so einen Gedanken rüber schicken und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

    Einen schönen 3. Advent

    Anke

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