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Glaube - Leben - Popkultur

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

Taize, jenes ökumenische Kloster im französischen Burgund, das von Frere Roger gegründet wurde und seit Jahrzehnten evangelische, katholische und zweifelnde Jugendliche aus aller Welt gleichermaßen anzieht, hat auch Christopher Hoffmann begeistert. Er war in diesem Jahr zum ersten Mal dort und hat junge Menschen aus aller Welt gefragt, was sie an Taize so fasziniert. Für Manna hat er auch sein eigenes Taize-Tagebuch wieder ausgepackt.

Charlotte (25) studiert Sport, Deutsch und Latein in Freiburg: “An Taize hat mir besonders gefallen, dass man auf der einen Seite viele Menschen kennenlernt, sich mit ihnen austauscht und ins Gespräch kommt; und dass man auf der anderen Seite Zeiten und Orte der Stille finden kann, um sich mit sich selbst zu beschäftigen.“ André (26), Architekturstudent aus Wernigerode: „In einer Woche Taize schöpfe ich mehr Erkenntnis für mein Leben als in zehn Wochen zu Hause.”

Samstag: Unser Bus rollt an. Mitten in der französischen Pampa passieren wir ein steinernes Tor. Es ist das Tor zur Welt: Menschen aus allen Erdteilen winken uns zu. Ist das hier die göttliche Version der Globalisierung?
Ich staune und verliere mich in der Menschenmasse. Zwei Schwäbinnen aus Ulm klopfen mir auf die Schulter: „Bist du zum ersten Mal hier? Komm, wir zeigen dir, wo du hin musst.“
Drei Minuten später sitze ich in der „Église“, der Kirche von Taize. Auf dem Boden. Zusammen mit 4.600 anderen Jugendlichen aus aller Welt. Punks und Psychologiestudenten. Bodybuilder und Bionade-Trinker. Chinesen und Amerikaner. Wiesbadener und Mainzer – Seite an Seite. Mit einer Kerze in der Hand. Wir singen. Dann wird es ganz still.

Zuriel (18) aus Puerto Rico studiert Medienwissenschaften: „Ich mag besonders die Gebete und die Stille. In Taize ist der ganze Tag ein Gebet, das man gemeinsam und mit Gott teilt. Ich kenne keinen anderen Ort auf der Welt, wo Menschen diese starke Erfahrung des Vertrauens und der Zuversicht machen können.“

 

Sonntag: „Common´ lazy ladies – get up…“ – wer weckt mich hier aus meinem Tiefschlaf? Es ist Dan, unser Rumäne in der „casa 215“, unserer Taize-WG für die nächsten sieben Tage. Er schafft es als einziger immer pünktlich zum Morgengebet. Wir anderen fünf sind aus Deutschland und drehen uns noch mal gemütlich in unseren Schlafsäcken. „Baracke“ heißen die Unterkünfte in Taize. Das trifft es ganz gut. Kein Schrank, keine Steckdose, kein W-Lan. Der Urlaub kann beginnen.
Das Weniger wird zum Mehr: Weil hier nichts ablenkt, geht es um das Wesentliche. Wir lachen und reden bis spät in die Nacht. Taize hat seine Typen. Auch unsere casa 215 hat sie: Ein  Abiturient im Atzen-Style, der Europa mit dem Fahrrad durchquert und einfach „in“ ist. Und ein Theaterkritiker, der eines Tages Bayreuth beerben wird und einfach intellektuell ist. Sie liegen hier Metallgerüst an Metallgerüst. Neben dem Metall verbindet sie aber vor allem das Metaphysische: Die Suche nach dem Sinn.

Cristina (33) aus dem spanischen Zaragoza: “Wer nach Taize fährt, begibt sich auf die Suche ins Innerste. Deshalb begegnen sich die Menschen hier mit Offenheit, Ehrfurcht und Vertrauen. Insbesondere wenn du auf der Suche einem Gott begegnest, der Dir nur Liebe schenkt und der Dich gleichzeitig dazu einlädt, diese Liebe bedingungslos an andere weiterzugeben.”

Montag: Bruder John aus Taize kommt gebürtig aus New York. Der Mönch aus dem „melting pot“ erklärt uns von heute an zentrale Passagen aus dem Matthäusevangelium. Es ist ein spannendes Experiment: Matthäus für eine Multikulti-Gemeinde.
Wir bilden kleine Bibelgruppen und überlegen auf spanisch, englisch, italienisch und deutsch, was die Texte mit unserem Leben zu tun haben. Mit unserem Leben in den kriminellen Vorstädten Venezuelas oder im wirtschaftlich strauchelnden Südeuropa. Mit meinem Leben als Mensch im 21. Jahrhundert in Deutschland. Und es wird uns klar: Hier geht es um eine universale Botschaft.
Um Vertrauen in das Leben. Denn uns trägt der Glaube an einen Gott, der nicht als König, sondern als Kind zur Welt kommt in einem einfachen Stall und der „Immanuel“ (Mt 1,23) genannt werden will: „Gott mit uns“.

Aime (29) kommt ursprünglich aus der Elfenbeinküste und lebt momentan in Paris: “Mich begeistert vor allem die Einfachheit der jungen Leute – es gibt kein spektakuläres Event, aber die Menschen teilen ihr Leben. In meinem Heimatland gab es einen schlimmen Bürgerkrieg. Ich war dort und habe mir hier in Taize viele Gedanken über Wege der Versöhnung gemacht. “

Dienstag: Couscous war gestern. Heute gibt es endlich wieder Pasta. Que alegria! Die Freiluft-Mega-Mensa besteht in Taize aus Köchen aller Kontinente. Darunter auch Dan, unser Rumäne aus der casa, der uns immer verrät, was am nächsten Tag auf dem Tablett liegt. Morgens gibt es Brötchen mit Schokoladensticks und eine nahrhafte Tasse Kakao (wer wie ich nicht so auf Couscous steht, sollte hier schon mal ordentlich zuschlagen). Und als Bonbon gönne ich mir jeden Tag noch ein festes Ritual für Leib und Seele: Der Cappuccino im „Oyak“, dem polyglotten Tante-Emma-Laden, kostet gerade mal 40 cent! Mit den neuen Freunden aus aller Welt schmeckt er besser als jede Bohne aus dem Starbucks-Becher.

Hester (17) aus Utrecht in den Niederlanden ist mit ihrer Schule nach Taize gekommen: „Vorher dachte ich: Dreimal am Tag beten – das wird langweilig! Aber ich bin ganz überrascht von der besonderen Atmosphäre in der Kirche und bei der gemeinsamen Arbeit. Wir haben hier viel Spaß!“

Mittwoch: Jeder, der in Taize ankommt, übernimmt für eine Woche eine Aufgabe. Das macht den Aufenthalt so günstig und zugleich so geschwisterlich: Denn alle haben ihren festen Platz im Klosterleben.
Ich schiebe den „Silencio-Dienst“. Mein Schild halte ich vor dem Abendgebet in die Luft, damit jeder erinnert wird, dass in der Kirche der Ort der Besinnung ist. Wenn es vorne zu voll ist, bin ich hier auch der Ordnungsmann. „I´m sorry, its full“, sage ich also zu dem netten Herrn mittleren Alters, der an mir vorbei zum Mittelgang eilen will. „I´m a brother..“, lacht er. Peinlich! Dann bitte sehr, ab in die lange Reihe im Zentrum der Kirche. Hier sitzen die Mönche in der Mitte – und mit ihnen die Kinder.

Donnerstag: Alle wollen so aussehen wie Lena Meyer-Landrut. Verständlich, finde ich. Das schwarze Taize-Kreuz nimmt fast jeder als Symbol mit nach Hause: Es steht für den heiligen Geist. Die Friedenstaube. Versöhnung und Vertrauen. Toleranz. Für eine in Taize erlebte Realität, die sich wie alle religiöse Sprache nur in Symbolen andeuten lässt.

Pei-ju Ying (24) aus Taiwan: “Mich begeistert vor allem der kulturelle Austausch mit Menschen aus der ganzen Welt und die Gesänge aus Taize. Beim gemeinsamen Singen gibt es keine Sprachgrenzen.“

Freitag: Jeder Freitag wird in Taize zum Karfreitag. Während dieser Woche haben wir uns in der Bibelgruppe sehr gut kennen gelernt. Haben Freundschaften geschlossen. Heute gehen wir gemeinsam zum großen Taize-Kreuz, das vorne in der Kirche liegt. Zu jenem Symbol, an dem sich unser Gott aus Liebe hingegeben hat. Wir tragen dorthin unsere Sorgen, unsere Zweifel und unseren Dank. Wir singen: „Il Signore ti ristora Dio non allontana…Der Herr gibt dir

Dan (22) aus Rumänien ist zum zweiten Mal in Taize. Die 38 Stunden Anreise mit dem Zug waren ihm nicht zu lang: „Ich musste zurückkommen, um meine Batterien aufzuladen – danach halten sie wieder für eine lange Zeit. Nachdem ich das letzte Mal in Taize war, hat sich meine Art zu leben und zu beten verändert. Du hast hier immer den gleichen Tagesablauf, aber du weisst nie, wem du begegnest.“

neue Kraft, er kommt, um bei dir zu sein.“ Obwohl hier tausende miteinander auf dem Weg sind, hab ich selten eine so intensive und individuelle Gebetsstille erlebt.

Samstag: Nach der Auferstehungsfeier am Samstag Abend startet die große Fiesta. Es gibt keine Rock- oder Technoklänge aus der Konserve. Aber es gibt Temperament. Spanisches, Afrikanisches, Lateinamerikanisches. Und je später der Abend auch Deutsches. Versöhnung der Völker ist hier gelebte Wirklichkeit. Taize: Ein Tor zu mir, zur Welt, zum Himmel.

Weitere Informationen zu Taize und wie man dort hinkommt, findet ihr hier.

Über Silvester veranstaltet die Gemeinschaft von Taize zudem ein internationales Jugendtreffen in Berlin.

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

7 Kommentare

  1. Chapeau, Herr Hoffmann!

    • wieder einmal erste Sahne =)

  2. Schöner Artikel, der Herr!

  3. Hola Christopher, me encantó el testimonio que escribiste, fue como revivir cada día que estuvimos en Taizé. Gracias por este regalo. Saludos desde Chile. =)

  4. sehr schön @ christopher.
    ich musste doch sehr schmunzeln, dass du es tatsächlich geschafft hast, deine lena im artikel unterzubringen :-)

  5. Qué alegria diesen tollen Artikel zu lesen! Vor allem macht er Lust, selbst dahin zu reisen und solche schönen Erfahrungen zu machen.
    Ich hoffe man kann weiterhin noch viel von dir lesen.

  6. Very nice!

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