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Glaube - Leben - Popkultur

Engel auf der Durchreise

tutto62 / pixelio.de

Es ist kalt. Obwohl fast niemand mehr daran gedacht hatte, er ist doch noch gekommen: der knackig kalte Winter mit Schnee und Frost. Durch die weiß bedeckten Zweige des Baumes vor meinem Fenster scheint die Sonne. Ein Hauch Romantik? Wer es mag, bitte.

Was mich viel mehr beschäftigt in diesen Tagen, ist die Frage, ob unser Gott ein kaltes Herz hat? Ja, stimmt, das klingt gar nicht romantisch, sondern hart anklagend. Sowohl als Notfallseelsorger als auch bei einem Einsatz im Rettungsdienst habe ich in den vergangen zwei Wochen harte Einsätze gehabt: immer sind dabei junge Menschen gestorben oder haben mit dem Tode gerungen. Das war hart, vor allem für die Angehörigen und die Freunde. Hart und überraschend kam der Tod. Plötzlich. Erschreckend.

Ich habe jedes Mal gemerkt, dass es mir nahe geht. Das mit der professionellen Distanz geht sehr schnells hops, wenn junge Menschen unverschuldet ihr Leben verlieren. Mir geht das nach, es geht mir bei. Und doch bleibt der Tod auf Distanz, das absolute Ende eines Menschen auf Erden spielt in meinem Leben keine Rolle.

Kalt wurde es gestern Abend – als ich erfuhr, dass ein junger Mann aus unserem Bistum plötzlich gestorben ist. Ein engagierter und lebensfroher Gemeindereferent, der vergangenes Jahr erst beauftragt wurde. Ich kannte ihn flüchtig, hatten uns bei verschiedenen Aktionen und Ausbildungskursen getroffen. Aber sein Gesicht war mir bekannt, sein Name war mir ein Begriff.

Fassungslosigkeit, Unwirklichkeit, ein Warten auf die Traurigkeit – so saß ich gestern Abend da.

Es ist hart. Für jeden Christen, denn er muss Gott unbequeme Fragen stellen: Warum so früh, warum so plötzlich, warum dieser geliebte Mensch? Antworten bleiben offen, Einsichten kommen vielleicht mit der Zeit, die Stille bleibt groß.

Es ist hart. Für jeden Menschen, der einen geliebten Menschen verliert, der sehen muss, wie endlich das Leben doch ist und wie wenig wir es letztlich in der Hand haben.

Es ist hart. Der Glaube an einen barmherzigen Gott: auf die Probe gestellt. Die Hoffnung auf die Auferstehung: an die Grenze getrieben.

Aus einem Begleitungsgespräch von letzter Woche mit einer jungen Frau, die ihre beste Freundin plötzlich verloren hatte, begleitet mich seither folgender Gedanke: „Ein Bekannter, der meine Freundin nur kurz kennengelernt hatte, meinte ja, sie sei ein Engel auf der Durchreise.“

Ob das so stimmt, weiß ich nicht. Aber wenn an diesem kalten Tag die Sonne wärmend in mein Fenster scheint, tröstet mich ein wenig der Gedanke, dass all diese Engel auf der Durchreise ihren Platz bei Gott gefunden haben, dass sie zuhause angekommen sind.

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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