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Glaube - Leben - Popkultur

Vuvuzelas für den Eselskönig

ERINNERUNG

Palmsonntag. Schillernder Auftakt einer Zeit, die alles verändern will. Er ist ein „Gänsehaut-Tag“, wie Pater Mauritius Wilde schreibt, weil es ein Tag mit großen Spannungen und Gegensätzen ist. Wir feiern den Einzug Jesu in Jerusalem und damit auch die Vorwegnahme des österlichen Sieges. Wir wissen aber, dass der Weg nach Jerusalem auch der Weg in die Folter und den Tod ist. Den Tod, ohne den es kein Ostern geben kann.

MACHT HOCH DIE TÜR DIE TOR MACHT WEIT…

„Palmsonntag“ vor 2000 Jahren: Eine Menschenmenge steht am Rand der Straße. Die Menschen rufen „Hosianna dem Sohne Davids, Hosianna, dem König Israels, gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.“ Hosianna ist eigentlich ein Bittruf („Hilf uns!“), der aber zum Jubelruf geworden ist. Mehr noch als eine bestimmte Sache drückt er im hebräischen eine Gemütsbewegung aus – Eine Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. Wenn ich an dieses Hosianna des Einzugs in Jerusalem denke, kommen mir die Bilder der Verfilmung des Musical-Klassikers „Jesus Christ Superstar“ aus den 70ern vor die Augen. Hier wird genau diese Stimmung für mich deutlich: Jubel, Sehnsucht, Bitte, Hoffnung.

Die Leute legen auch ihre Klamotten auf die Straße, sie improvisieren einen „roten Teppich“ und schwenken Palmwedel – die Fanschals, Transparente und Fahnen von damals. Der Palmzweig ist aber eigentlich noch mehr – er ist ein altes Symbol des Sieges, des Aufstieges, der Wiedergeburt und der Unsterblichkeit. Es ist ein Siegersymbol.

Heute würden die Menschen vielleicht Vuvuzelas benutzen und Sprechchöre starten, wie in den Stadien. Dort halten die Fußballfans ihrer Mannschaft auch Meisterschalen entgegen, kurz bevor die Mannschaft den Meisterthron der Session besteigt. Auch ein roter Teppich wäre heute sicher schnell besorgt. In unseren Gottesdiensten singen wir auch heute noch „Hosianna in der Höhe“, aber auch andere feierliche Lieder und Hymnen, wie zum Beispiel „Macht hoch die Tür , die Tor macht weit“. Das Lied, das wir eigentlich als Adventslied kennen, zitiert in der ersten Strophe Psalm 24, und hat hier – am Palmsonntag – seinen eigentlichen Platz:

Wie kommt das Lied dann in den Advent? Der Einzug Jesu in Jerusalem ist in der evangelischen Tradition auch Thema des ersten Adventssonntages – unter dem Gesichtspunkt des Wartens auf den Herrn Jesus Christus. Advent heißt Ankunft. Auch Ankunft und Einzug Jesu in Jerusalem.

DER ESEL

Jesus kommt also nach Jerusalem – geritten. Eine wahrhaft königliche Geste. ER ist der besungene König und erwartete Messias der Menschenmenge. Doch Jesus kommt nicht auf einem prächtigen Streitross nach Jerusalem. Er kommt auf einem Esel – eigentlich noch nichtmal – er kommt auf einem Eselchen. Kein prächtiges Pferd, reich geschmückt und ausgestattet, sondern ein Lasttier. Das Pferd ist seit Jahrtausenden Symbol für Kraft, Macht und Stärke. Noch heute messen wir die Kraft unserer Autos in Pferdestärken (PS) und stechen uns damit beim Quartett aus. Pferde und Pferdestärken geben dem Menschen Image. Jesus aber kommt auf einem Esel.

Entgegen unserer heutigen Assoziationen mit dem Esel („Du dummer Esel“) war der Esel damals vor allem ein Sinnbild des gewaltlosen Friedenskönigs und der Bescheidenheit. Zeichen der Geduld und der Sanftmut. Jesus benutzt dieses Zeichen, weil beim Propheten Sacharja geschrieben steht: „Du Tochter Zion, freue dich sehr, und du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“

In der zweiten Strophe von „Macht hoch die Tür“ singen wir darum dann auch: „..Er ist gerecht, ein Helfer wert. Sanftmütigkeit ist sein Gefährt..“ Die Strophe bezieht sich auf diese Stelle beim Propheten. Sein Gefährt – sein Fahrzeug – ist ein Esel, der für die Sanftmütigkeit steht. Aber auch wenn man nicht bibelfest ist (Jesus war es sicher) versteht man die Sache mit dem Esel. Heute würde Jesus vielleicht nicht in einer Limousine kommen, sondern vielleicht in einem Pritschenwagen – wer weiß.

Jesus kommt als König nach Jerusalem. Aber er kommt als der sanftmütige und gewaltlose König. Er weiß, was ihm bevorsteht und trotzdem geht er seinen Weg in königlicher Würde. Er war frei von der Sorge um sich selbst. Wie symbolisch der Esel im Matthäus-Evangelium losgebunden (befreit!) wurde, geht auch Jesus seinen Weg in Freiheit. Das befremdet und irritiert. Aber es schenkt auch Hoffnung. Seine Würde hat ihm nie jemand nehmen können.

VERHEUTIGUNG – JESU WEG MIT MIR

In der katholischen Tradition beginnt der Palmsonntagsgottesdienst mit einem Schauspiel. Auch wir hier im Kloster Münsterschwarzach begehen vor der Messe die „Feier des Einzugs Christi in Jerusalem“. Die Mönche und die Besucher des Klosters und des Gottesdienstes werden mit Weidenkätzchen, Blumen, Palmenzweigen und anderen Büschelchen ausgestattet in der Prozession stehen. Wir werden auf unserem Schulhof die Zweige segnen, das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem hören und feierlichst in die Kirche prozessieren. Der Jubel jedoch wird wahrscheinlich verhalten ausfallen – wir wissen ja was noch kommt. Und eine Vuvuzela wird wohl auch keiner dabei haben. Auch wenn die Vuvuzela die gespaltene Stimmung vielleicht wiedergeben könnte. Mit Vuvuzelas wird heute nicht nur die eigenen Mannschaft angefeuert, sondern auch gegen den scheidenden Bundespräsidenten protestiert.

Und auch ich werde dabei sein. Wie werde ICH in der Prozession stehen? Wie wird mein Hosianna klingen? Verstehe ich, was da passiert ist und was immer wieder passieren will? Auch die Menschen damals haben erstmal nicht viel verstanden. Ihnen ist das Licht erst nach Ostern aufgegangen.

Die Prozession, die ganze Liturgie dieser Tage – wie jede Liturgie – lädt uns ein, uns auf die Geschehnisse und die Auswirkungen dessen, was damals passiert ist, einzulassen. Die Dinge nicht nur zu lesen, zu hören oder im Fernsehen zu sehen, sondern sie mitzuerleben, sie zu durchleben. Dann wird aus dem Schauspiel Liturgie und gelebter – erlebter – Glaube.

Ich kann mich fragen: Was bedeutet der Eselskönig für mich? Kann Jesus auch „mein Esel“ sein und mich durch mein Leben tragen? Wo kann auch ich Esel sein und die Last eines anderen tragen? Wo lebe ich Frieden und Geduld? Wie halte ich es mit der Macht, mit meiner Macht, mit der Macht anderer?

Kann ich vielleicht sogar mit dem lateinamerkanischen Bischof der Armen, Dom Helder Camara, beten:

„Lass mich dein Esel sein Christus. Herr Jesus Christus, du bist zu uns auf die Erde gekommen – auf einem Esel. Du willst nicht über die Menschen herrschen, sondern hast uns allen gedient. Du bist unser Sündenbock und Lastesel geworden; du hast alles auf dich genommen am Kreuz. Nun sind wir entlastet. Dafür danken wir dir. Aber nun wollen wir Lasten tragen von Menschen, die belastet sind. Wir wollen ganz in deiner Nähe sein. Lass uns deine Lastesel sein, Christus.“

Hosianna!

Br. Immanuel Fuhrmann hat uns bereits früher von intensiven Kar- und Ostertagen erzählt. Seit bald  einem Jahr lebt er nun in der Abtei Münsterschwarzach und wer ihn schon länger kennt wundert sich immer noch, wie er es schafft, jeden Tag zur Laudes aus dem Bett zu kommen.

Andreas Fuhrmann

Andreas Fuhrmann (33) hat eigentlich immer irgendeine Kamera bei sich. Seine Bilder helfen ihm, im Alltag das Besondere zu sehen: zauberhafte Momente zwischen Bordsteinkante, Kassenautomat und einer Regenwolke – zwischen zwei gewechselten Worten, einem Blick nach links und einer stillen Sekunde. Bei Manna zeigt er in „Leuchtstoff“ regelmäßig ein Bild aus seiner Sammlung: Leuchtstoffe, Blicklichter, SehensWürdigkeiten, Kleinode, Zeitlupen, Gedankensplitter... Momentaufnahmen: Aus dem Leben – Auf das Leben! Mehr von ihm gibts auf pistaziengruen.de

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