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Glaube - Leben - Popkultur

Stylishe Seelsorge!

Leben rund um die Locken

Copyright: Ulrich Kamp / www.pixelio.de

Ein eiskalter Wasserstrahl aus dem verchromten Hahn über mir peitscht auf meine Stirn kopfabwärts. Langsam knetet eine junge Frau mir durch das nasse Haar. Es ist wieder so weit: Eine halbe Stunde Auszeit gönn ich mir – beim Friseur! Jedes Mal wenn ich zum Haare schneiden gehe, empfinde ich das als Erholung. Einfach mal in den gemütlichen Ledersessel fallen lassen und nach meiner Standardaussage  – „Insgesamt was kürzer, aber vorne nicht ganz so kurz“ – gebe ich die Moderation des Gespräches ab.

Heute an Anja, wie mir die junge Frau verrät. Wir kennen uns noch nicht. Anja will wissen, was ich denn so mache. Das könnte jetzt wieder eine haarige Angelegenheit werden, denke ich. Aber gut. „Ich bin Theologe“, sage ich. Stille im Salon. „Okaaayyy“, kommentiert Anja nach einer ausgedehnten Pause, während ihre rechte Augenbraue eine 90°-Stellung performt. Meine Locken presst sie nun zwischen Zeige- und Mittelfinger und beginnt ihr Werk mit Schere und Kamm.

„Und was macht man damit?“, fragt sie weiter. „Ja, in meinem Beruf, da geht es um Seelsorge. Man begegnet vielen unterschiedlichen Menschen und kommt mit ihnen über Gott und das Leben ins Gespräch…“ Anja stemmt ihre Hände in die Hüften und sieht mich an: „Ja cool, also Seelsorgerin bin ich hier auch.“ Und dann packt sie aus: Erzählt von den Menschen, die ihr ihren Liebeskummer anvertrauen. Die ihren Job verloren haben. Die gegen den Krebs kämpfen – und deshalb ihre Haare verlieren. Anja macht eine Pause – „da weiss ich manchmal auch nicht, was ich sagen soll.“ Nur zuhören, das könne sie. Und glauben, ja das tut sie auch. Dass es da jemanden gibt, der uns so liebt wie wir sind. Und der will, dass wir einander Gutes tun. Und einander zuhören. Theologie zwischen Trocknergeräuschen und Tinkturen. Und doch selten ehrlich und existentiell.

Die 30 Minuten vergehen wie im Flug. „Ist es so ok?“, fragt Anja und hält mir den Spiegel vors Gesicht. „Alles bestens“, bedanke ich mich. Nicht nur für die Frisur. Auch für die neuen Facetten ihres Berufes, vielleicht auch ihrer Berufung, die mir Anja in dieser halbe Stunde eröffnet hat.  Seelsorgerinnen und Seelsorger wie Anja werden gebraucht in unserer immer rasanteren Welt. Denn Menschen sind auf der Suche. Nach stets neuer „Haute Coiffure“. Vor allem aber nach Halt und Herz.

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

1 Kommentar

  1. Ja, die Menschen suchen. Und wie! Das kenne ich gut. So ging es mir schon einige Male bei meiner Frisörin. Und irgendwie lädt dieser Beruf – wie viele andere, bei denen man täglich vielen Menschen begegnet auch – dazu ein so fit zu sein und immer fitter zu werden, in Sachen “Alltagsseelsorge”. Respekt, vor allen, die “nicht nur einfach ihren Job machen”.

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