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Glaube - Leben - Popkultur

Die perfekte Woche

Ali Brohi / flickr.com

All ihr Fußball-Verächter da draußen, ihr habt es nicht leicht zur Zeit. Selbst Menschen, die niemals ein Bundesliga-Spiel besuchen würden, gehen bei den großen Turnieren mit etwas Nationalfolklore alle zwei Jahre begeistert mit. Wenn euch auch das nicht gelingen will, dem bleibt euch nur der Versuch, auszublenden, was Freunde und Bekannte so alles durchs Netz schicken oder als gemeinsame Abendgestaltung vorschlagen. Nicht wenige verweisen mit erhobenem Zeigefinger auf die wirtschaftlichen Probleme Europas während die Bevölkerung des Kontinents in völliger Ignoranz dessen in bierseliger Fröhlichkeit versinkt. Ich werde wohl keinen von euch mit diesen Zeilen für dieses wundervolle Spiel begeistern können, aber vielleicht lässt sich Verständnis wecken für alle, die froh sind, dass die Tagesschau auch mal mit der guten Nachricht eines Sieges ihrer Mannschaft beginnt:

In einer Folge von “How I met your Mother” versucht Vorzeige-Checker Barney Stinson eine “perfect week” (analog zum “perfect game” im Baseball) zu erreichen, die in seinem Fall darin besteht, an jedem Tag der Woche mit einer anderen Frau nach Hause zu gehen. Man muss Barneys Vorhaben nun nicht moralisch gutheißen, um diese Geschichte höchst amüsant zu finden, denn die Clique feuert ihn an, als nähme er an einem sportlichen Wettkampf teil, fiebert mit ihm mit, als alles zu scheitern droht, und unterstützt ihn, wo immer es möglich ist. Denn Barney steht kurz davor seinen Job zu verlieren. Während die Sportfans Robin, Ted und Marshall ihren Freund aber nicht durch derlei weltliche Probleme von seiner perfekten Woche abhalten wollen, beharrt Lily darauf, dass Barney über seine Sorgen sprechen muss, anstatt wieder der Nächsten hinterher zu jagen.

Als Barneys Serie zu reißen scheint, weil mit einem Spieler der New York Yankees ein schier übermächtiger Konkurrent auftaucht, sinkt die Moral in der Truppe rapide. Barneys Gedanken drehen sich nur noch um die bevorstehende Entlassung. Robins Ego ist angekratzt, weil sie vergeblich auf den Rückruf einer Verabredung wartet. Ted hat ein schlechtes Gewissen, weil er sich über eine seiner Studentinnen lustig gemacht hat. Und hier ist der Grund, warum das mit der Begeisterung um die Fußball-EM zu tun hat: “In dem Moment erkannte Lily den Wert von Sport. Er lenkt von Sorgen ab, wenn auch nur vorübergehend. Und ganz tief drin, brauchte jeder von uns so eine perfekte Woche“.

Der Satz könnte fast von Jesus stammen. Eine Frau hatte viel Geld dafür ausgegeben, um ihn mit Öl zu salben. Und nein, die spielten hier nicht das gleiche Spiel wie Barney und seine Damen! (Echt nicht. Fragt mal einen Bibelwissenschaftler) Die Frau zeigt damit, dass sie weiß: Jesus wird bald sterben und es gibt nichts, was sie dagegen tun kann. Die Jünger dagegen kritisieren, begriffsstutzig wie so oft, dass man das Geld besser für caritative Zwecke hätte verwenden können. Jesus reagiert knapp: Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer (Mt 26,11). Mit anderen Worten: Wir wissen, dass unsere Sorgen sich nicht einfach in Luft auflösen werden. Sie werden auch morgen noch da sein. Trotzdem gibt es diese besonderen Momente, die man intensiv erleben muss, weil sie so schnell nicht wieder kommen werden. Das gilt für mich bei großen Sportereignissen, die unterschiedlichste Menschen vor der Leinwand zusammenbringen, bevor ich im Herbst wieder allein an einem Donnerstagabend Hannover 96 gegen Karpaty Lwiw schaue. Und es gilt noch viel mehr für die seltenen Momente, in denen ich eine Ahnung davon bekomme, wie Gott ist. Die Erinnerung daran ist die eiserne Ration für schlechtere Zeiten.


Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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1 Kommentar

  1. Echt gut!

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