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Glaube - Leben - Popkultur

Schicksalsgemeinschaft auf Schienen

Quelle. “Bahnsteig” by Chris, www.piqs.de

 

Ich bin nun seit über einem Jahr aus beruflichen Gründen Vielfahrer mit der Bahn und dies bringt außer dem Beobachten vom saisonalen Campingverhalten an der Mosel weit mehr mit sich.

Beim Zugfahren gibt es mehrere Typen von Menschen. Es gibt die „Aktionsfahrer“  die anlässlich eines Junggesellenabschieds, eines Wanderausflugs oder zur Teilnahme an einem sonstigen Event die Bahn benutzen. Sie zeichnen sich meist durch das direkte Öffnen einer „Flasche mit Alkoholgehalt“ und großer Freude darüber aus und unterhalten sich lautstark in ihrer Gruppe.

Dann gibt es die Berufspendler, Studenten oder Schüler, die sich über die Einführung von Bahn-Bonus Meilen freuen würden und sich in den meisten Fällen von den Aktionsfahrern unterscheiden, allein deshalb weil sie zu 98% Kopfhörer tragen und froh sind, wenn sie weit genug weg vom Kegelclub „Alle Neune seit den 60ern“ entfernt sitzen. Zu dieser Gruppierung gehöre auch ich.

Gemeinsam ist allen der Aufbruch zu einem neuen Zielbahnhof, bei manchen ist es die Arbeit, bei anderen vielleicht durchaus das Land in dem Milch und Honig fließen, zumindest aber eine Stadt in der Bier gezapft wird – EXODUS

Beide Zugfahrertypen sind meist autark und beschäftigen sich nicht miteinander, allerdings gibt es da gewisse Ausnahmen. Ausnahme eins wären die Sonderfahrer, die zwar zu Gruppe „Aktionsfahrer“ zählen, aber entweder nur zu zweit, vielleicht auch allein unterwegs sind und durchaus auch das Gespräch mit dem Unbekannten im Zug suchen. Deren Hoffnung wird erfüllt, wenn entweder ein Fahrgast aus der zweiten Gruppierung seine Kopfhörer vergessen hat oder durch häufiges Fragen immer wieder den Kopfhörer ausziehen muss. Oftmals sind es organisatorische Fragen, manchmal geht es darüber hinaus und sie suchen wirklich ein Gespräch – hängt aber auch immer vom neuen Gesprächspartner ab, wie weit dieser es zulässt.

Interessant ist die zweite Ausnahme: Der gemeinsame „Feind“ – die Bahn. Erklingt im Abteil die Durchsage, die nicht lautet „Nächster Halt xy“, sondern „Aufgrund …und wir bitten um ihr Verständnis“ ist das der Augenblick, in dem die meisten Kopfhörer ausgezogen werden müssen und sich die beiden Gruppen zu einer Gemeinschaft verbinden, sich gemeinsam aufregen, da das Verständnis meistens nicht aufgebracht wird, und zusammen – sehr episch – in eine ungewisse Zukunft fahren und ihre Ängste darüber teilen. Gesteigert wird dies nur noch, wenn diese Gemeinschaft in besonderen Fällen, gezwungen wird auszusteigen und als Schicksalsgemeinschaft an einem fremden Bahnhof aussteigen muss und als Nomadenvolk sich Alternativen zur Knechtschaft in Hatzenport (wobei hier noch keine Pyramiden stehen) und ihrem Verursacher der Bahn, dem modernen Pharao der Fortbewegungsmittel, suchen muss.

Und wenn einer egal welchen Fahrertyps in die Runde fragt: „Teilt sich jemand ein Taxi?“ steht man schon gerne in der Versuchung zu sagen: „Gerne Mose, geh du voraus!“

Manuel Rawer

Manuel Rawer ist Religionslehrer an der Berufsbildenden Schule in Bernkastel-Kues. Trotz eines Leben als bekennender Serienjunkie und Sport-TV-Anhänger, versucht er möglichst viel in der ganzen Welt herumzukommen und Manna-Momente zu erleben!

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