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Glaube - Leben - Popkultur

Wo die Not draußen bleibt

“Wir sind Christen, weil wir leben, was wir glauben.” Mit diesem Statement begrüßt uns die Leiterin des NOTEL’s, Bärbel Ackerschott. Die zwanzig Schüler vom Vinzenz-von-Paul Gymnasium spitzen die Ohren. Auch die verantwortlichen Betreuen mucksen sich nicht. “In unserer Notschlafstelle bieten wir obdachlosen Drogenabhängigen die Möglichkeit, in ihrem von Sucht, Gewalt und Beschaffungskriminalität geprägten Leben für eine Nacht zur Ruhe zu kommen. Durch elementare Angebote, wie eine warme Abendmahlzeit, die Möglichkeit zur Körperhygiene oder zur Reinigung der Wäsche, beugen wir Verelendung vor, die mit der Sucht und dem Leben auf der Straße einhergeht. Wir nehmen die Drogenabhängigen, die täglich auf der Straße die Erfahrung machen müssen, am Rande unserer Gesellschaft zu stehen, bewußt als unsere Gäste an und achten ihre Menschenwürde.” Da sitzen wir, mitten in Köln, in der Hauskapelle des NOTEL’s, auf unserer ersten Station der “Sozialen-Sensibilisierungs-Tour”, einem Angebot im Rahmen der Projekttage des Vinzenz-von-Paul Gymnasiums.

Die lebendigen Schilderungen der Leiterin von Anfang und Alltagsgeschäft der Eirichtung imponieren mir. Etwa, die immense Wichtigkeit von Regeln. Während des Aufenthaltes im NOTEL, beim Abendessen oder Geschirrspülen ist es den Gästen untersagt über ihre Geschäfte, den besten Dealer oder den besten Stoff Insiderinformationen auszutauschen. So wird gewährleistet, dass die Einrichtung ein Ort der Ruhe bleibt und sich die Gäste “schußgeil” reden. “Um 23.00 Uhr geht’s ins Bett. Nicht um fünf nach und nicht um zehn nach. Sondern Punkt 23.00 Uhr. Wer sein Teller auch am nächsten Morgen noch nicht aufgegessen hat, erhält eine Nacht NOTEL-Verbot.”, so die Leiterin bestimmt. Ob das denn nicht hart sei, fragt ein Betreuer zaghaft. “1. erhält das NOTEL seine Lebensmittel aus Spenden, die mit Respekt behandelt werden sollen. 2. steht jeder Drogenabhängige unter der Angst, zu kurz zu kommen und schaufelt sich deshalb den Teller voll. Bei uns sollen sie lernen, dass für alle genug da ist.” Es gibt noch weitere, feste Verhaltensregeln im NOTEL: Kein Brüllen, kein Anschreien und kein Türenknallen, denn dies ist Gewalt.

Manchmal wirken die Regeln hart und unbarmherzig. Doch sie haben einen Sinn. Sie vermitteln einem chaotischen Leben Struktur und Verlässlichkeit. Gerade durch das Beharren auf diesen Grundsätzen durch die Mitarbeiter erwerben sie sich in den Augen ihrer Gäste Vertrauen. Wer macht, was er sagt, wird zum ernstzunehmenden Gesprächspartner in Notsituationen. Noch einleuchtender wird dies durch einen Hinweis von Ackerschott:”Die geistige Entwicklung von Drogenabhängigen stoppt ungefähr in dem Alter ihres Suchtbeginns. D.h., wenn mir ein 36jähriger gegenübersitzt, der mit 16 seine Karriere startete, dann ist der mitten in der Pubertät und schreit nach Grenzen. Natürlich testen unsere Gäste immer mal wieder unserere Regeln aus und wir gewähren ihnen diesen erlebnispädagogischen Spielraum mit den bekannten Konsequenzen. Dadurch wissen sie, auf uns kann man sich verlassen. Auch ihr solltet die Erwachsenen nerven und sie austesten.” Der Bogen in die Schülerwelt kommt an. Verstohlene Blicke werden ausgetauscht.

Trotz oder gerade aller “dos und don’ts” ist im NOTEL ein humorvoller und sympathischer Geist zu spüren. Und Anekdoten gibt’s zuhauf. Etwa die Kölner Firmlinge, die der Einrichtung etwas wirklich besonders Gutes tun wollten und dann jede und jeder beim Firmgottesdienst eine Packung des sündhaft teuren “Persil” mitbrachten und in einem Berg von Waschmitteln das Firmsakrament empfingen. Oder die Geschichte vom Sternekoch, der einfach mal mit seinem Lehrling im NOTEL vorbeischaut und wunderbare Köstlichkeiten auf die Teller zaubert. Oder die vielen Blumensträuße, die am Muttertag die kleine Kapelle füllen und die wahrscheinlich irgendwo geklaut wurden. Oder… Bärbel Ackerschott, diese taffe Frau strahlt, sie könnte noch stundenlang erzählen.

Ja und dann die Einheit von durch und durch professioneller Arbeit und gelebtem Glauben, die mich bis heute  fesselt und die im Alltag des NOTEL’s an jeder Ecke spürbar wird.  Jeder Mensch besitzt Würde. Und diese Würde führt dazu, dass bei der Einlasskontrolle, nur die Taschen kontrolliert werden und sich kein Drogenabhängiger entblößen muss. Oder, dass für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen selbstverständlich Arbeit und Gebet zusammengehören. Im Gebet finden sie Kraft und Inspiration und einen besonderen Platz für ihre Gäste. Denn jeden Abend werden in der Stille die Namen der schlafenden Gäste auf einen Zettel notiert. Schließlich in die aufgeschlagene Bibel gelegt und Gott anvertraut. Gut zu wissen, dass es für alle Menschen solche besonderen Plätze gibt.

Wo Not ihren Platz hat

Köln ist eine exotische Stadt. Karneval und 1. FC Köln, Christopher Street Day und inmitten dieser fette Dom. Das NOTEL aber ist einer meiner Lieblingsplätze.

P.S.: Mehr über das NOTEL ist unter www.notel-koeln.de zu finden. Die Einrichtung für obdachlose Drogenabhängige ist übrigens in der Trägerschaft der Missionsgesellschaft vom Heiligen Geist, kurz Spiritaner oder auch gerne Holy Ghost Fathers gennant. Was ich bemerkenswert finde, ist dass dieser Orden es schafft, seine alten Lebensegeln in die Gegenwart zu transportieren, denn in der Treue zu den ursprünglichen Intuitionen ihrer Gründer und zur lebendigen Traditionen ihrer Kongregation gehen die Spiritaner, die als Schwerpunkt ihrer Tätigkeit die Weltmission haben, auch in ihrer Heimat “zuerst zu denen, die unterdrückt und am meisten benachteiligt sind, dorthin, wo die Kirche nur schwer Arbeiter findet.” (Lebensregel 12)

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