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Glaube - Leben - Popkultur

Der Schrei nach Freiheit

Ich mache Halt an der Berliner U-Bahn-Station „Warschauer Straße“: Im Stadtteil Friedrichshain befindet sich die längste Open-Air-Galerie der Welt – die Berliner Mauer. Eine Mauer aus Stein, hinter der Menschen ihre freie Meinung nicht äußern durften, an der Familien und Freunde auseinandergerissen wurden, an der Menschen sterben mussten, weil sie frei sein wollten.
Heute ist die Mauer bunt: Die „East-Side-Gallery“ zeigt beeindruckende Werke von Künstlern rund um den Globus. Als ich mir die Mauer-Malereien anschaue, bleibe ich bei einem Bild von Kani Alavi stehen. Es gibt den vielen Menschen, die hinter der Mauer gelitten haben, ein Gesicht:  Ihr expressionistischer Schrei nach Freiheit wird in diesem Werk für mich hörbar. Individuen lösen sich aus dem grau-blauen Meer der Unfreiheit und durchbrechen Mauern und Schallmauern. Das feiern wir heute, am Tag der deutschen Einheit. Der konkrete Anlass des Kunstwerks mit dem Titel „Es geschah im November“ liegt 23 Jahre zurück.

Doch das Ringen um die Freiheit des Menschen ist viel älter. So alt wie die Menschheit selbst. Deshalb berichtet uns auch die Bibel davon. Im Buch Exodus heißt es: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ (Ex 20,2). Ein Gott, der den Menschen befreit. Aus aller Knechtschaft. Er will, dass Menschen keine Marionetten sind, sondern sich in Freiheit und Verantwortung entfalten können. Wo der Mensch durch totalitäre Systeme in seiner Freiheit eingeengt wird, wo er gezwungen wird in physischen oder psychischen Mauern zu leben, da wird seine Würde verletzt. Doch Gottes Ruf in die Freiheit lässt ich nicht einzementieren. Er ist lauter als die Wagen  und Rosse des ägyptischen Heeres.  Er verstummt nicht hinter Mauern aus Stein. Er durchbricht sie.

Freiheit ist ein biblisches, und deshalb auch ein bleibendes Thema: Gerade dort, wo arabische Frühlingstemperaturen wieder abzukühlen drohen. Wo ein Herbst voller Hunger nach Freiheit beginnt. Der Tag der deutschen Einheit und das Bild auf der Berliner Mauer – sie erinnern mich auch an zeitgenössische Zwänge. An syrische Schreie und nordkoreanische Notrufe. An Lärm aus allen Ländern, in denen Menschen ihre Gedanken nicht äußern dürfen. Aber auch an Mut aus offenen Mündern. An einen Tag, an dem sich eine Mauer geöffnet hat. Und an die Hoffnung und den Glauben, dass sich Mauern immer wieder öffnen können.

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

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