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Time Out: Chancen

Quelle: M.E. / pixelio,de

Time Out – so heißt es heutzutage in den deutschen Operationssälen vor dem ersten Schnitt! Die Operateure und ihr Team halten kurz inne, der Patient – bereits tief schlafend – wird vorgestellt, die geplanten Eingriffe noch einmal überprüft. Es geht darum, sich seiner Arbeit und seinen Arbeitsschritten noch einmal bewusst zu werden – und somit auch dem Menschen, der einem als Patient begegnet. Ein Schritt der Professionalität, ein Schritt der Entschleunigung, ein Schritt der Vergewisserung.

Operationssäle sehe ich nur zu Ausbildungszwecken von innen und dennoch: immer öfter gönne ich mir auch eine Auszeit, ein Time Out, um etwas langsamer zu werden und um mich zu vergewissern, wieso und weshalb ich gerade etwas tue und wie besonders der kleine unscheinbare Moment gerade ist. Dieser Tage war es wieder soweit: kurz vor Zwei am Mittag, seit dem Morgen regnet es Bindfäden aus allen Richtungen. Willkommen, Herbst! Die letzten Hoffnungen, die Sonne dieses Jahr noch einmal zu sehen, schwinden dahin wie das Wasser im Gulli. Und noch besser: ich hab Spätdienst!

Ich stehe vor meinem Spind, demotiviert schlüpfe ich in meine dunkelblauen Dienstklamotten und streife die leuchtrote Jacke über mich. Bereits jetzt hasse ich den klamm-nassen Zustand, den die Jacke am Abend angenommen haben wird. Bis zum Dienstende um zehn Uhr wird die Welt wohl ertrunken sein im Regen. Ich will nicht raus, ich will wieder heim.

„Selbst Schuld, du Trottel! Du hast dir den Job ausgesucht und hast gewusst, dass du nicht nur bei Sonne arbeitest! Stell dich nicht so dran!“ Diese Stimme in mir hasse ich ebenso die Vorstellung von der klammen Retter-Jacke, der als Symbol meiner Demotivation und als Ungerechtigkeit der Welt aufstrahlt.

„Das ist doch deine Berufung! Du willst den Menschen helfen, Ihnen etwas Gutes tun! Lass dich nicht abschrecken! Geh raus, gib dein Bestes!“ Hej, das klingt schon besser – aber kostet gerade verdammt viel Überwindung, meiner Situation etwas Positives abzuverlangen. Das Berufungs-Gesabbel ist zwar das beste Motoren-Öl, aber wenn mein Antrieb Schwimmflügel vor Regen braucht, kann man es auch lassen.

Es ist Zeit, zu gehen. Die Kollegen erwarten ihre Ablösung, ihren verdienten Feierabend und so mancher Patient an diesem Tag einen Rettungsdienst-Mitarbeiter, der das schlechte Wetter nicht noch gerade stimmungsmäßig in die Häuser trägt. Beide Stimmen werden mich bis zum Abend begleiten.

Diese Situation kennt jeder, denn sie gehört zu den kleinen fiesen Herausforderungen des Alltags, die erwarten, dass wir in den Spiegel sehen und uns klar machen, wer wir sind und was wir wollen! Sicher, wir gehen zur Arbeit, aber je nach dem, welcher Stimme wir unsere Haltung verdanken, ergeben sich viele Chancen: die Chance auf gute Gespräche über schlechtes Wetter und die spitzen Alternative mit Tee vorm Kamin – die Chance, Menschen zu helfen, so gut es geht an einen anderen Ort zu begleiten – die Chance, mit Kollegen zu lachen und Spaß zu haben – die Chance, sich den Tag von Regen nicht vermiesen zu lassen.

Ich bekomme meinen Funkmeldeempfänger, mein Dienst hat begonnen. Ich stehe an der Kaffeemaschine und beobachte wie der braune Glücksbringer in eine Tasse träufelt – und erblicke etwas aus dem Augenwinkel, das mich staunen lässt: Sonnenschein.

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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