Pages Navigation Menu

Glaube - Leben - Popkultur

Vatertag im November

Für Marshall Eriksen war sein Vater immer wie ein guter Freund. Seit er tot ist, fehlt ihm etwas. Wie spricht man mit einem Verstorbenen? Und wieviel Bier braucht man dazu?

Bild: Francesco Gola / flickr.com

Diese Geschichte spielt eigentlich an einem 1. Januar, aber ich finde, sie passt viel besser zu einem 1. November. Aber dazu komme ich noch.

Sie handelt von einer Tailgate oder „Kofferraum-Party“. Das ist ein in den USA recht weit verbreiteter Brauch, bei dem Leute auf dem Parkplatz vor dem Stadion grillen und Bier trinken. Wer keine Tickets mehr ergattert hat, macht mit dem tailgating auch während des Spiels weiter und verfolgt es auf einem kleinen Fernseher. Genau das möchte Marshall Eriksen mit seinem Vater an diesem Neujahrstag tun. Der Haken: Sein Vater ist vor einiger Zeit gestorben. Marshall wäre nicht Marshall, wenn er sich davon abhalten lassen würde. Er nimmt Grill und Kühltasche (trotz eisiger Temperaturen) mit auf den Friedhof und hält seine ganz private Tailgate Party kurzerhand am Grab des Vaters. Er macht das nicht zum Spaß oder aus nostalgischer Erinnerung. Ihm fehlen die Gespräche mit seinem Vater. Da gibt es so viel, was ihn beschäftigt. Zum Beispiel, dass er seinem eigenen Kind all die mystischen Geschichten weitererzählen möchte möchte, die sein Vater ihm erzählt hat. Und dass seine Frau Lilly dabei nicht gerade eine große Hilfe ist. Und dass es ihm Angst macht, dass die Erinnerung an seinen Vater schon wenige Wochen nach dessen Tod immer schwächer wird.

Doch mit der gewünschten Ruhe zwischen Vater und Sohn ist es nicht weit her. Die beiden älteren Brüder und bald sogar eine ganze Beerdigungsgesellschaft gesellen sich dazu. Kein Wunder, dass Marshall die Ruhe fehlt, seinem alten Herrn das zu sagen, was gesagt werden muss. Er ist viel zu sehr damit beschäftigt, Burger zu braten, Bier zu verteilen und die Gurken rüberzureichen. Zwischen all dem scheinbar Trivialen gehen die wirklich wichtigen Dinge leicht verloren – wenn es nicht manchmal solche Sätze gebe, die ein eigentlich Unbeteiligter aus der Hüfte schießt. „Du ähnelst sehr deinem Vater“.

Und hier ist der Grund, wieso das eine Geschichte für den November ist. Kein anderer Monat erinnert mich so sehr an die Verstorbenen, die ich kannte. Vielleicht ist es das trübe Wetter oder dass man merkt wie der Winter näher kommt, Weihnachten aber noch weit ist. Tröstlich, dass es nicht nur mir so geht, sondern auch vielen Anderen. An Allerheiligen werden wieder viele Menschen das tun, was Marshall macht: Gräber besuchen. Vielleicht Blumen mitbringen oder sogar Bier. Los werden, was nicht mehr gesagt werden konnte. Sagen, dass man jemanden vermisst. Sie würden das nicht tun, wenn sie nicht glaubten, dass sie auch gehört werden, dass die Verbundenheit mit den Verstorbenen auch über den Tod hinaus besteht. Die Botschaft von Marshall und all diesen Friedhofsbesuchern: Über die Toten ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

 

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

Letzte Artikel von Christian Schröder (Alle anzeigen)

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>