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Glaube - Leben - Popkultur

Die Löffelliste

Viva la Vida von Coldplay live hören. Das ist einer von zig Punkten auf meiner Löffelliste. Sie ist mittlerweile 2 Jahre alt und schon etwas zerfleddert. Aber so soll’s sein. Doch von was rede ich hier eigentlich? Was ist eine Löffelliste?

Die Idee ist wohl schon etwas älter und wird von dem Film „Das Beste kommt zum Schluss“ (original: The Bucket List) wieder aufgegriffen. Kurz die Story dazu: Zwei an Krebs erkrankte Männer, der Milliardär Edward Cole und der Automechaniker Carter Chambers, lernen sich im Krankenhaus kennen, freunden sich an und bekommen beide mitgeteilt, dass ihre Lebenserwartung nur noch etwas mehr als ein halbes Jahr beträgt. Daraufhin beginnt Carter eine Liste der Dinge zu erstellen, die er noch tun will, bevor er den Löffel abgibt – die Löffelliste. Doch er wird vom Mut verlassen und wirft die Löffelliste wieder weg. Edward jedoch, der die Liste zufällig findet, ist begeistert von der Idee und fügt eigene Punkte hinzu. Schließlich gelingt es ihm Carter zu überzeugen, gemeinsam eine Löffelliste zu erstellen und diese in die Tat umzusetzen. Nach und nach haken sie die Punkte der Liste ab: mit einem Fallschirm springen, den Taj Mahal sehen, einem fremden Menschen etwas Gutes tun, lachen, bis man weint, das schönste Mädchen der Welt küssen und vieles mehr.

Vor 2 Jahren habe ich die Löffelliste als Methode für die Arbeit mit Jugendlichen kennengelernt und dann auch meine eigene Löffelliste erstellt. Und seitdem sind viele Punkte dazu gekommen, ein paar habe ich gestrichen und einige habe ich sogar abgehakt. Viva la Vida live hören – Abgehakt. Meinen Namen auf einen Stern am Walk of Fame schreiben – Abgehakt. Mal wieder Drachen steigen lassen – Abgehakt.

Eigentlich hasse ich das Wort ‚abgehakt‘. Ich werde geradezu wütend, wenn ich auf Reisen von irgendwoher höre: „O die Golden Gate Bridge! Kann ich das auch abhaken.“ Für mich hat Abhaken etwas von abschließen, von einfach so weitermachen, als wäre nichts passiert. Wenig von innehalten und genießen. Dabei ist das Leben doch mehr als ein Nacheinander von verschiedenen – geplanten oder ungeplanten – Punkten, die man abhakt.

Und trotzdem bin ich ein Fan der Löffelliste. Eben nicht, weil ich in meinem Leben möglichst schnell möglichst viele Punkte abhaken will. Sondern weil sie mir hilft, mir meiner Wünsche, Ziele, Träume oder wie auch immer man es nennen mag, bewusst zu werden. Ob die Träume realistisch sind oder nicht, spielt da keine Rolle. Durch das Aufschreiben auf die Liste werden sie schon ein bisschen konkreter und greifbarer. Ich glaube zwar kaum, dass ich irgendwann mal in jedem europäischen Land länger als eine Woche gewesen sein werde, doch ich will es versuchen. Ob ich es je hinbekomme, eine Bierflasche ohne Flaschenöffner zu öffnen? Ich vermute nicht, aber ich werde weiter üben. Es kann sein, dass ich nie den Mut für einen Gleitschirmflug aufbringe, aber ich will es angehen.
Und dazu möchte ich nicht den nahen Tod vor Augen haben müssen. Denn viel zu oft geht es mir so, dass ich vor Abschieden oder Umbrüchen, also den kleinen Toden des Alltags, merke: „Das hätte ich doch noch sagen wollen…“ oder „Das hätte ich unbedingt noch machen wollen…“ Davor wird mich auch die Löffelliste nicht komplett retten, aber ein bisschen schon.

Nicht alles, was ich tun will, bevor ich den Löffel abgebe, habe ich auf meiner Liste notiert. Vielleicht aus Angst vor Enttäuschung, wenn ich etwas doch nicht abhaken kann. Vielleicht, weil ich befürchte, dass die Ziele dann ihren Zauber verlieren. Vielleicht aber auch, weil ich weiß, dass nicht ich allein mein Leben in der Hand habe. Ich weiß es nicht. Und ich bin auch davon überzeugt, dass die schönsten Momente in meinem Leben vielleicht gerade nicht ein Punkt auf der Löffelliste sind. Aber ich will mir im Klaren sein, was ich gern erleben möchte. Und ich möchte ab und an ein bisschen träumen. Und auch dafür ist die Löffelliste ganz nützlich.
Und was willst Du tun, bevor Du den Löffel abgibst? Egal was: Viva la Vida!

 

Carina Rui studiert Soziale Arbeit und katholische Theologie in Mainz. Daneben engagiert sie sich seit Jahren in der kirchlichen Jugendarbeit. Über die Suche nach einer zeitgemäßen Spiritualität hat sie bei Manna schon einmal geschrieben: http://www.manna-magazin.de/2011/09/viva-la-vida/

6 Kommentare

  1. Schön geschrieben. Dennoch fehlt mir hier eine Perspektive: Letztlich geht es bei der “Löffelliste” ja darum, möglichst viele Optionen, die man im Leben hat, verwirklichen zu können, sodass man bloß nichts verpasst. Der Tod ist in diesem Sinne der “Optionenvernichter”. Die Idee zu überlegen, was man gerne tun möchte, zu Träumen und Prioritäten zu setzen, finde ich gut. Allerdings führt eine solche Liste m.E. immer dazu, dass man sich zunehmend gehetzt fühlt und sich genötigt sieht, möglichst viele Optionen wahrzunehmen. Wenn zwischen den vielen Events aber mal nichts passiert, verfällt man oft in Melancholie und man fühlt sich leer. Dafür habe ich mal den Begriff “angestrengte Diesseitigkeit” gelesen. Das ist ein Phänomen unserer Epoche, dem man sich widersetzen sollte. Deswegen würde ich eine solche Liste nicht schreiben. Ich finde es wichtig zu bedenken, dass man nie alle möglichen Optionen, die sich einem bieten, wird wahrnehmen können (wie du ja auch schon zum Teil eingeräumt hast). Aber man muss sich gleichzeitig klarmachen, dass das in Ordnung ist. Die Perspektive sollte deswegen über das diesseitige Leben hinausgehen. Wahre Vollendung findet man wohl nur im ewigen Leben, auf das man als Christ hoffen darf.

  2. Schöner Artikel. Danke. Ich habe auch eine Löffel-Liste. Allerdings wusste ich bisher nicht, dass sie so heißt :) Die erste Version ist jetzt ca. 10 Jahre alt. Zwischenzeitlich hatte ich mal vergessen, dass es sie gab. Und dann habe ich sie wieder gelsen. Einen Teil konnte ich auch abhaken. Bei anderen Punkten fiel mir auf, wie sehr sie mir am Herzen liegen, ich sie aber im Alltag so verdrängt hatte, dass sie kaum noch präsent wahren. Und dann gab es drittens Dinge, bei denen ich dachte: ach, egal, nicht (mehr) wirklich relevant. Alles drei waren gute Erfahrungen! Deshalb verstehe ich auch die Kritik von Tobias nicht. Ich habe die Liste mittlerweile überarbeitet, neu geschrieben, sie ist nun wieder in meinem Notizbuch immer dabei. Schwitzhüttenritual mitmachen, steht drauf. Trockenmaurern lernen. In einer Wüste übernachten. Eine Herberge oder ein Shelter eröffnen. Ein Ferienhaus auf dem Land mit Freunden zusammen kaufen. Und noch eine Menge anderer Dinge, die nicht in die Öffentlichkeit gehören :) Martin..

  3. Um das vielleicht noch etwas mehr auf den Punkt zu bringen, was ich sagen wollte: Dinge überlegen, die man gerne mal machen will: Gute Idee. Mit der Perspektive auf das Ende des Lebens eine solche Liste erstellen: Scheint mir eine schlechte Idee. Denn das kann – d.h. nicht dass es so sein muss – dazu führen, das Gefühl zu bekommen, man käme mit den Dingen nicht mehr hinterher und den Gedanken vermitteln, immer unvollendet zurückzubleiben, sodass man allem nur noch nachhetzt. Dann – so stelle ich mir das vor – sieht man nur noch die Zeit wahnsinnig schnell verrinnen, weil es so viele Optionen – und im Vergleich dazu – viel zu wenig Zeit gibt, sie alle zu verwirklichen. Vielleicht ist das eine Frage des Umfangs der Liste, oder der Wahrscheinlichkeit mit der man die Wünsche darauf erfüllen kann. Deswegen bin ich für einen entspannten Umgang mit Wünschen angesichts der Endlichkeit des irdischen Lebens :-)

  4. Die erwähnte Entspanntheit steht natürlich eigentlich schon drin. Mir hat auch noch ein Stück weit der theologische Ausblick gefehlt.

  5. Ich sehe das in fast allen Punkten anders, lieber Tobias.

    Es gibt mehr Optionen, als zur Verfügung stehende Zeit, d’accord. Aber gerade deswegen (!) ist solch eine Liste doch eine pfiffige Idee! Dass ich mir übers Listenschreiben darüber klar werde, was ich will. Es ist keine ToDo-Liste, sondern ein Reflexions-Tool. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Carina scheint ja auch nichts von dem “1000 Places you have to see before you die”-Lebensstil zu halten. Du auch nicht. Und ich auch nicht.

    Der Tod ist nicht nur ein Optionen- sondern auch ein Leben-Vernichter. Und sich bewusst zu machen, dass man sterben wird, kann eine ganz andere Abgeklärtheit und Entspanntheit bewirken. Weil mein albernes Optionen-Getue dann auf einmal völlig unrelevant ist und nur noch zählt, was ich mit diesem Leben angefangen habe und anfangen will (mir gegenüber und meinem Schöpfer gegenüber).

    Es geht mir daher auch um Absichten und nicht um Wünsche. Ob mir meine Wünsche erfüllt werden, who knows… Davon darf ich mich in meinem Leben nicht abhängig machen. Aber ob ich diese oder jene Absicht habe und versuche, sie umzusetzen, ist etwas anderes. Was will ich? Die Liste ist ein spielerischer Versuch, dem auf die Schliche zu kommen. Viele Menschen haben nicht den Hauch einer Ahnung, was sie wirklich, wirklich wollen. Auf meiner Liste (und ich glaube auch auf anderen Listen) steht weder Erdbeereis essen (zu banal) oder Weltfrieden (liegt nicht in meiner Hand). Auf meiner steht wie gesagt z.B. 1x in einer Wüste übernachten. Das passiert nicht einfach so. Das muss ich wollen. Und ich will das, weil mir das etwas bedeutet (in diesem Falle ist es etwas Spirituelles). Es kann sein, dass ich es bis zu meinem Lebensende nur zu einer Freiluftübernachtung an einem Lagerfeuer in Wanne-Eickel geschafft habe. Unvollendet werde ich eh zurückbleiben, das ist sowieso klar. Aber wenn ich die Wüste nicht auf meiner Liste gehabt hätte, kann ich an meinem Lebensende vielleicht nur sagen, dass ich Erdbeereis gegessen habe. Und das wäre schon schade.

    Die theologische Perspektive liegt meiner Meinung nicht in etwas über dieses Leben Hinausgehende. Sondern eher: Was beabsichtige ich mit dem mir gegeben Leben zu tun? Dafür habe ich schließlich eine Verantwortung.

    Und eins noch: Gibt es etwas Schöneres als Listenschreiben?!

  6. Nun als Reflexionstool um herauszufinden, was man im Leben will, kann man eine solche Liste nutzen, darauf können wir uns sicher einigen. Die theologische Perspektive schließt, denke ich, beides ein, wobei ich den Punkt des hier gegebenen Lebens etwas vernachlässigt habe.
    Zugegebenermaßen habe ich den ganzen Text auch eher unter dem Thema “Beschleunigung” betrachtet und weniger als Beschreibung eines Reflexionsvorgangs. Da ich mich in letzter Zeit viel mit Beschleunigung damit beschäftigt habe, war das gewissermaßen mein hermeneutischer Schlüssel. Wenn ich mir das alles nochmal durchlese, habe ich auch ein wenig offene Türen eingerannt ;-)

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