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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Haarige Angelegenheit

Quelle: M.E. / pixelio,de

In seiner Kolumne “Time Out” schreibt Jan Derr dieses Mal über betroffenes Schweigen in einem Rettungswagen und die Schönheit von todkranken Menschen.

Mal wieder hundsgewöhnlicher Vormittag. Meine Schicht läuft entspannt, obwohl wir mit unserem Krankentransportwagen die ganze Zeit unterwegs sind. Entlassungen aus Krankenhäusern am frühen Morgen, dazu Verlegungen oder Einweisungen durch den Hausarzt in eine Klinik, die allerdings keinen Notfall darstellen. Alltagsgeschäft, die üblichen Anamnese-Gespräche, das Überprüfen der Unterlagen, mein Teampartner und ich wechseln uns ab. Mal fährt der eine und der andere übernimmt die Patientenbetreuung. Im nächsten Einsatz: Wechsel. Nun bin ich an der Reihe. Eine ältere Frau kommt in die Klinik. Sie hat Schmerzen. Auf meine Frage, wo genau sie Schmerzen habe, eine batzige Antwort: „Wo, fragt er. Überall.“ Innerlich verdrehe ich die Augen, so komme ich nicht weiter. Und dieser Tonfall. Ich bleibe höflich. Mein Kollege studiert die letzten Arztbriefe. Ohne den Kopf zu heben, murmelt er „Lungen-CA, Endstadium.“ CA steht für Karzinom. Unsere Patientin hat Krebs. Die Abkürzung ist nicht nur Teil einer wissenschaftlichen Sprache. Ich finde, sie hilft uns, diese Diagnose zu benennen, ohne das zum Tod verurteilende Wort Krebs auszusprechen. Ohne die letzten Hoffnungen niederzuschmettern. Die Patientin ist krank. Krankheit bedeutet immer Hoffnung auf Heilung.

Wirklich?

Während der weitere Verlauf unkompliziert verläuft, die Patientin auf unsere Tragestuhl gehockt und angeschnallt wird, fallen wenige Worte. Es scheint alles gesagt. In der Klinik gilt es, Schmerzen zu lindern. Das können wir jetzt nicht tun, unser Auftrag ist der Transport. Wir sitzen im Krankenwagen. Ich sitze der Patientin gegenüber auf einem kleinen ausklappbaren Stuhl. Sie spricht nicht. Mir ist auch gerade nicht nach sprechen. Was soll ich einer Krebspatientin im Endstadium mit Schmerzen sagen? Ich entscheide mich für das Schweigen. Und beginne damit, das Protokoll auszufüllen, Patientendaten zu übertragen. Meidet Blickkontakt. Wirkt beschäftigt.

„Beugen Sie sich mal nach vorne.“ Ich schaue auf. Sie winkt mich zu sich. „Ihr Kopf, beugen Sie ihn mal nach vorne.“ Ein Fussel?Schrecklich, womöglich ein Pickel? Was will die? Ich beuge mich vor. So wie ich meine Kopf nach vorne zu ihr beuge, streckt sie ihre Hand zu mir aus. Was wird das? Sie berührt meinen Kopf. „Hm, weniger. Sie haben ja noch weniger Haare als ich.“, brummt sie zufrieden. Innerlich starre ich sie mit weit aufstehendem Mund an. Äußerlich kann ich nur ein zustimmendes „Ja, genau.“ ausspucken. Wir grinsen beide. Versöhnend. Und schweigen wieder bis ins Krankenhaus.

Der Mensch ist ein eitles Wesen. Wir wollen schön sein. Auch und gerade, wenn wir krank sind. So wie ein vermuteter Pickel auf meiner großen Stirn einen Moment absoluter Peinlichkeit darstellte, so waren die kurzen und nach der Chemotherapie wieder gewachsenen Haare ein Triumph und ein Zeichen von Schönheit.

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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