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Syrien: Menschen auf der Flucht

Foto: Caritas international

Seit März 2011 herrscht in Syrien Ausnahmezustand: Aus den Protesten gegen Präsident Assad hat sich ein Bürgerkrieg entwickelt, der hunderttausende Menschen zur Flucht zwingt.  
Achim Reinke, Pressesprecher der katholischen Hilfsorganisation caritas international, reiste genau dorthin, wo die Menschen aus Syrien als Flüchtlinge ankommen. Im Interview mit Manna-Redakteur Christopher Hoffmann berichtet er, was er vor Ort erlebt hat.

Herr Reinke, Sie sind den Menschen an der libanesischen und jordanischen Grenze zu Syrien unmittelbar bei ihrer Ankunft begegnet. Wie kommen diese Menschen in den Caritaszentren an?

Die Menschen kommen mit dem, was sie am Körper tragen – mehr haben sie nicht mehr. Ihre Zukunft ist absolut ungewiss: Sie haben keine Ahnung, wie lange sie in dem fremden Land, das sie nun betreten, bleiben werden oder ob sie überhaupt noch einmal zurückkehren können. Manche haben über ihr Mobiltelefon Kontakt in die Heimat, aber die Nachrichten, die sie dann hören, sind oft sehr niederschmetternd – wenn eine Frau zum Beispiel erfährt, dass ihr Haus beschossen oder völlig zerstört wurde.

Was treibt diese Menschen an, alles hinter sich zu lassen?

Es geht ums Überleben. Das Hauptmotiv ist der Wunsch nach Sicherheit: Viele Flüchtlinge wollen ihre Kinder und Babys schützen. Die Mehrheit – rund 80% – sind daher Frauen und Kinder. Was mich besonders schockiert hat: Sehr viele schwangere Frauen nehmen die Strapazen der Flucht auf sich, um das Leben ihres Nachwuchses zu retten. Eine Frau hat direkt nach ihrer Ankunft im Caritaszentrum ein Baby zur Welt gebracht – ich kann mir kaum vorstellen, wie sie den Weg über die Grenze geschafft hat. Denn die Flucht selbst ist sehr gefährlich: Das beginnt beim Aufbruch, der oft geheim ist, und setzt sich auf dem Fluchtweg fort, wo Menschen aus der Luft und vom Boden beschossen werden. Bei Überquerung der Grenze suchen viele dann nach illegalen Wegen. Daher werden manche Frauen und Kinder auch von entfernteren männlichen Verwandten begleitet, etwa von Cousins. Die Ehemänner bleiben in der Regel in Syrien zurück, um auf den Besitz aufzupassen. Manche werden auch zwangsrekrutiert.

Lassen sich die Menschen, die Syrien verlassen, bestimmten gesellschaftlichen Schichten zuordnen?

Ich habe von Tagelöhnern und einfachen Handwerkern bis zu Lehrern und Ärzten alle sozialen Milieus in den Zentren der Caritas angetroffen. Manchmal kommen Einzelpersonen an der Grenze an, aber auch ganze Dörfer machen sich zusammen auf, um gemeinsam in Jordanien oder im Libanon eine vorübergehende Siedlung aufzubauen.
Da Aleppo und Damaskus weiter unter Beschuss sind, steigt der Strom der Flüchtlinge stetig an. Bis Ende 2012 schätzt man ihre Zahl auf 700.000 Personen. Insgesamt wurden innerhalb von Syrien 1,5 Millionen Menschen vertrieben, weitere ein Millionen Menschen sind im syrischen Inland auf Versorgung durch Dritte angewiesen, weil sie zum Beispiel ihren Beruf oder ihr Haus verloren haben.

Wie kann caritas international angesichts dieser erschreckenden Zahlen konkrete Hilfe leisten?

Neben direkter Hilfe in Syrien, die uns durch Partner auch noch möglich ist, hilft Caritas international vor allem in zwölf Zentren der Caritas Jordanien und der Caritas Libanon. Diese Zentren sind in der Regel zwischen 20 und 50 Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt, so dass die Hilfe da ankommt, wo auch die Menschen ankommen. Hier erhalten die Flüchtlinge zunächst das Lebensnotwendige: Nahrung, Decken, Milchpulver für die Babys, Hygieneartikel wie Zahnpasta oder Seife. Manche von ihnen haben noch frische Schusswunden, da ist eine medizinische Erstversorgung ganz wichtig.

Und was passiert nach dieser Erstversorgung?

Caritas international möchte, dass die Menschen eine möglichst große Selbständigkeit behalten. Deshalb vermitteln die Zentren den Flüchtlingen eine Unterkunft in den umliegenden Dörfern und Städten – hier können sich die Menschen weiter frei bewegen und auch Kontakte knüpfen – in die jordanische und libanesische Bevölkerung hinein.
Sie hassen das Wort „Flüchtling“. Sie wollen weiter als Menschen gesehen und behandelt werden.

Foto: Caritas international

Wie reagieren denn die Jordanier und Libanesen auf diese Form der Hilfe? Sind sie nicht völlig überfordert mit der Situation?

Ich habe trotz all dem Elend eine fast unvorstellbar große Gastfreundschaft erlebt – und das ist umso bemerkenswerter, weil etwa Jordanien in den vergangenen Jahren immer wieder Flüchtlinge aufgenommen hat: Zunächst die Palästinenser und zwischen 2003 und 2007 viele Menschen aus dem Irak. Der bevölkerungsarme Staat – dort leben gerade einmal 6 Millionen Jordanier – hat Probleme die eigene Bevölkerung zu versorgen, und dennoch öffnen viele Menschen ihre Tore und Keller, um den Bedürftigen eine Zuflucht zu gewähren. Das hat mich sehr beeindruckt.

Nun waren Sie ja selbst auch bei Hausbesuchen der Caritas dabei – welche Bilder sind Ihnen im Kopf hängen geblieben?

Es gibt neben denen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen können, auch Menschen, die sogar zu schwach sind, um das Caritaszentrum zu erreichen. Sie werden von der Caritas in ihrer neuen Bleibe aufgesucht und versorgt. Ich erinnere mich an eine 17-jährige Mutter, die mit ihrem 15 Monate alten Kind alleine über die Grenze gekommen war und nun in einem Kellerloch lebte. Die beiden schliefen auf einem Pappkarton, der Rest des Raumes war komplett leer. Sie brauchten dringend Milchpulver und Windeln. Das hat mich sehr schockiert.

Haben Sie in all dem Elend denn auch Momente erlebt, die Ihnen Mut gemacht haben?

Die Geschichte eines Flüchtlings fällt mir ein: Er ist mit seiner Familie und umgerechnet 100 Euro vor einigen Monaten in Jordanien angekommen. Er hat sich dann davon eine Wohnung gemietet und verdient als Maler sein eigenes Geld. Aber er will auch etwas zurückgeben und engagiert sich nun ehrenamtlich im Caritaszentrum. Das ist ein unglaublicher Gewinn für die Arbeit der Caritas vor Ort, denn kein Mitarbeiter kann sich so in die ankommenden Menschen hinein fühlen wie dieser ehemalige syrische Flüchtling. Er hat das gleiche Schicksal am eigenen Leib erfahren.
Ähnlich war es mit einer irakischen Ärztin. Sie war vor sechs Jahren wegen dem Irakkrieg auf der Flucht und wurde von der Caritas Jordanien aufgenommen – heute versorgt sie die körperlichen Wunden der syrischen Flüchtlinge. Vor allem aber ist sie Balsam auf die schwer geschundenen seelischen Wunden: Denn sie zeigt, dass das Leben weiter geht und macht diesen Menschen in ihrer schweren Situation Mut und Hoffnung.

Die Medien berichten nun schon seit 21 Monaten aus der Krisenregion – können Sie Ihre Hilfe da auf ein gutes finanzielles Polster bauen?

Es gibt finanzielle Unterstützung vom Staat und aus Kirchensteuermitteln, das ist sehr wichtig. Die Kapazitäten aus privaten Spenden sind allerdings längst aufgebraucht. Diese Erfahrung machen wir immer wieder bei Bürgerkriegen und politischen Krisen. Da kommt erfahrungsgemäß nur  5-10 % der Summe zusammen, die bei einer Naturkatastrophe wie einem Erdbeben oder einer Überflutung gespendet wird. Viele Menschen haben Angst, dass Gelder nicht ankommen oder in die falschen Kanäle fließen könnten. Diese Sorge ist nachvollziehbar, aber aus meiner Sicht unbegründet: Denn die Spenden fließen direkt aus Deutschland zu unseren Caritasverbänden vor Ort und kommen dort den Flüchtlingen zu Gute. Um der immer größer werdenden Zahl der Bedürftigen weiter helfen zu können, sind wir dringend auf Spenden angewiesen. Die Menschen habe ich der Caritas gegenüber als sehr dankbar erlebt – egal ob Christen oder Muslime.

 

Achim Reinke Foto:caritas international

 

Achim Reinke ist Pressesprecher des katholischen Katastrophenhilfswerks Caritas international mit Sitz in Freiburg im Breisgau. Er reiste direkt in die Projekte an der Grenze zu Syrien, um zu erfahren, wie es den Menschen in der Krisenregion geht und sprach mit vielen Flüchtlingen über ihre Situation.

 

 

 

 

 

Wenn Sie die Menschen in Syrien unterstützen möchten:

Caritas international
Konto-Nr. 202
Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe
BLZ 660 205 00
Stichwort: Nothilfe Syrien

Weitere Informationen zur Hilfe von caritas international für die Menschen aus Syrien gibt es hier.

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

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