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KreuzWortFeuer: Nicht ins Paradies. Nie?

Campino.Wroclaw2010Bei Manna startet eine neue Kolumne. In KreuzWortFeuer beleuchtet Tobias Weyand einmal im Monat bekannte und weniger bekannte, neuere und ältere Musikstücke unter die Lupe und sucht nach den Verbindungen zwischen Musik und der Suche nach Gott. Was es mit dem Kolumentitel auf sich hat, lest ihr hier.

So richtig heftig provoziert haben die Toten Hosen, glaube ich, nie. Es sei denn, man hätte sich ab 1999 als Fußballfan über ihr Anti-Bayern-Lied geärgert. Um seine Eltern zu erschrecken, eigneten sich die Toten Hosen aber sicher noch eine ganze Zeit lang gut, zumindest so lange, bis sie so handzahme Lieder wie „Tage wie diese“ veröffentlichten und tauglich für den Auftritt im Bierzelt wurden.

Eines von diesen provokanten Liedern ist „Paradies“, das inzwischen schon etwas in die Jahre gekommen ist, aber trotzdem immer noch einen guten Refrain zum Mitgrölen hat. Beim Mitgrölen ist allerdings Vorsicht geboten. Denn wenn man kräftig „Ich will nicht ins Paradies/wenn der Weg dort hin so schwierig ist“ mitbrüllt und angetrunken sein Bier schwenkt, muss man in Kauf nehmen, von Menschen, die etwas empfindsamer sind, argwöhnisch beäugt zu werden: Was stimmt nicht mit dem Typ? Der will da nicht hin, ins Paradies? Ist es nicht das, woran alle Christen nach Kräften arbeiten sollten, ins Reich Gottes zu gelangen?

Mal abgesehen davon, dass die Vorstellungen davon, ob das Paradies als Ort oder Zustand gedeutet wird, bei den meisten vermutlich weit auseinander gehen, scheint in dieser Frage Konsens zu bestehen. Es gehört also schon eine ziemliche Abgebrühtheit dazu, zu sagen: „Ich stelle keinen Antrag auf Asyl/meinetwegen bleib ich hier.“ Wenn man einen solchen Satz denn richtig ernst meint. Wie ist das nun bei den Toten Hosen? Das Lied kommt jedenfalls nicht so locker-spaßig herüber wie „Highway to Hell“, das höchstens noch Menschen erschreckt, die in den letzten 40 Jahren kein Radio mehr gehört haben. Was ist nun mit den Toten Hosen und Campino? Meinen sie das ernst? Und sind sie deshalb geradewegs auf dem Pfad in die Verdammnis?

Ich glaube das Problem ist ein anderes. Campino fragt sich, ob der Weg, den man allgemein dazu empfiehlt, zu Gott zu kommen, der richtige ist und ob er auf diesem Weg mithalten kann. Er ist offenbar niemand, der „immer gleich zum Beichtstuhl rennt, als wär’ es ein Wettlauf“ und dort seine Sünden gesteht. Er ist niemand, der immer brav betet, sondern der nach einer durchzechten Nacht erst mal Aspirin gegen den heftigen Kater schlucken muss.

Campino ist nicht das fromme Gemeindemitglied im Kirchenchor, sondern derjenige, der Kirchenchorsängern einen Schauder über den Rücken jagt. Er hat keine Lust sich unterzuordnen und brav in die Reihe zu stellen. Ein solches Verhalten macht ihn aber womöglich zum Feindbild aller Angepassten. Da kann man noch so oft die Toleranz beschwören, oder sagen, dass Gott alle Menschen liebt; wer nicht das tut, was man von ihm erwartet, der steht in den Augen derjenigen, die lieber Angepasstheit sehen, schon mit einem Bein in der Hölle. Dabei sagt die Tatsache, dass jemand sich nicht an bürgerliche Regeln hält noch lange nicht, dass dieser jemand auch ein schlechter Mensch ist, oder dass er gegen moralische Maßstäbe verstößt. Von Unangepasstheit auf Verdorbenheit zu schließen, passiert jedoch schnell.

Im Video zum Lied sieht man die Menschen, die so gerne richten, als die alten Damen und Herren, die im Saal sitzen und den Kopf über die Band schütteln, die dort auf der Bühne steht. Sie scheinen ganz genau zu wissen, was ein gottgefälliges Leben ist: Ein Leben, das sie als gottgefällig sehen. Aber woher wissen sie so genau, was Gott gefällt? Haben sie eine spezielle Verbindung zu ihm?

Ich wäre an der Stelle des Publikums vorsichtig. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.“ Heißt es in der Bibel. Das sollte man sich zu Herzen nehmen. Denn Gott lässt sich nicht so einfach von uns auf etwas festlegen. Wer von ihm gerettet wird, und wer nicht, ist seine Sache, nicht unsere. Und er ist vielleicht ganz anders, als wir denken. Er mag vielleicht gerade diejenigen, die rebellieren. Man denke nur an jemanden wie Franz von Assisi. Als er beschloss, seine Habe zu verkaufen und in Armut nach dem Wort Gottes zu leben, legte er als Zeichen der Abkehr von allem Besitz sein Gewand ab und lief nackt auf der Straße herum. Ein Skandal! Heute würde man ihn dafür vermutlich einsperren oder in die geschlossene Anstalt stecken. Man darf doch nicht einfach so nackt auf der Straße herumlaufen! Was sollen die Leute denken?! Aber dieser radikale, nackte Mann, der sich so gegen die gesellschaftlichen Konventionen auflehnte, wurde später heilig gesprochen. Man sieht ihn also als einen schon zu Lebzeiten vollendeten Menschen an, der nun in Gottes Nähe ist. Dazu wurde er aber nicht, indem er genau das tat, was alle von ihm erwarteten. Wer weiß also, ob nicht vielleicht auch etwas zahmere Rebellen wie die Toten Hosen irgendwann ins Paradies kommen.

 

Tobias Weyand studiert Theologie in Trier und ist Musikfan ohne Genre-Grenzen. Auf seinem MP3-Player bringt er deswegen gerne auch mal Metallica, Blumentopf und die Wise Guys in derselben Liste unter. Er ist immer auf der Suche nach inspirierenden Texten und Melodien, sowie nach Filmen und Büchern.

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