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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Schwammkopf

Quelle: M.E. / pixelio,de

Ein Traum: heute hat es uns mal wieder erwischt! Kurz vor Feierabend geht der Melder. Ein Transport. Blasenkatheter gezogen. Schwanzfahrt, im wahrsten Sinne des Wortes. Es regnet, es ist kalt, draußen ist es bereits dunkel. Meine mühsam aufgebauten Pläne zur Feierabendgestaltung während der letzten Stunden zerbröckeln mit jedem Schritt auf dem Weg zum Krankenwagen.

Unser Patient: ein Mann Mitte 80, groß und stattlich gewachsen, seine große Hände umgreifen Schutz suchend die Griffe seines Rollstuhls. Er ist müde, hatte schon geschlafen. Jetzt steht ihm ein kurzer und unkomplizierter Ausflug in die Klinik bevor, in Begleitung von Ehefrau und Tochter. Ein solcher Katheterwechsel erfolgt ambulant und in aller Regel komplikationslos. Für ihn eine ungewisse Reise im Dunkeln. Zwei Fremde in leuchtroten Jacken, entgegen seines Tagesrhythmus eine Planänderung. Aufregung. Unser Patient ist dement.

Demenz wird immer häufiger angetroffen. Eine Krankheit, die sich auch in Form von Alzheimer äußert. Zunächst gibt es Störungen im Kurzzeitgedächtnis, nach und nach lässt die Merkfähigkeit ganz nach – am Ende schwinden die großen Zusammenhänge des Lebens, die Erinnerung an die eigene Biographie verblassen im grauen Nichts. Als würde im Kopf ein Schwamm sitzen, der die Erinnerungen, Träume und Ängste unkontrolliert aufsaugen würde. Übersetzt man Demenz aus dem Lateinischen, so würde man es mit „Ohne Geist“ oder „Abnehmender Verstand“ wiedergeben.

Während der Fahrt sitzen wir uns gegenüber, immer wieder rutscht einer seiner Füße von dem Bügel auf unserem Tragestuhl. Ich stehe immer wieder auf, stelle den Fuß zurück. Er kann ja nichts dafür. Unfähig, den Fuß wieder zurückzustellen. Dabei grinst mir einer kleiner Junge entgegen: wenn ich ihn nach seinem Befinden frage, seinen Namen nenne oder kurz seinen Fuß zurückstelle und ihm so helfe, es zaubert ihm ein breites Lächeln ins Gesicht, das sich breit von einem Ohr zum anderen durchzieht. Es ist ansteckend. Er wirkt dankbar. Ich habe Gefühl, etwas Gutes zu tun.

Unser Patient wird sich morgen Früh nicht mehr an unsere Begegnung erinnern – mir bleibt sein Gesicht bis heute in guter Erinnerung: das Gesicht eines alten Mannes mit dem Lächeln eines kleinen Jungen, der frei von so vielen unserer Sorgen ist, aber auch frei von seinen Erinnerungen. Was er wohl wahrnimmt, ob er glücklich ist – ich frage mich, wie es in seinem Kopf aussieht, welche Gedanken sich dort tummeln. Ein Rätsel, das mich fasziniert, neugierig macht. Und mich
hoffen lässt, dass mich dieses Schicksal nie ereilt. Ich habe es nicht in der Hand. Beklemmend. Unser Patient strahlt mir entgegen – in meine Gedanken versunken, hat er bemerkt wie ich mit meinen Augen sein Gesicht fixiert habe. „Alles ist gut. Gleich sind wir daheim.“ Zufrieden nickt er und stammelt mir ein „Ja!“ entgegen.
Zweieinhalb Stunden nach Feierabend. Unser Patient ist mit neuem Katheter wieder zu Hause. Als ich vom Gelände der Rettungswache fahre, hat es aufgehört zu regnen. Dunkel ist es immer noch. Ich bin müde, wahrscheinlich hätte ich schon geschlafen.

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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