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Glaube - Leben - Popkultur

Rush hour des Lebens

thirty

Wenn man aufhört ein Twentysomething zu sein, ändert sich was. Zumindest bei mir war das so. Es ist erst ein paar Tage her, dass ich mein drittes Lebensjahrzehnt vollendet habe, aber gefühlsmäßig ist mir längst klar, dass das Gerede von „40 ist das neue 30“ Unsinn ist. Es fühlt sich anders an, auch wenn ich noch nicht genau weiß, wieso. Glücklicherweise habe ich die zahllosen „30 things to do before you turn 30“ erst im Nachhinein gelesen, sonst wäre ich wohl in den letzten Monaten in hektischen Aktionismus verfallen.

Statistisch gesehen ist 30 zwar noch nicht die Hälfte des Lebens. Glaubt man dem Soziologen Hans Bertram, dann hat bei mir aber nun die Rush hour des Lebens begonnen. Familiengründung, beruflicher Aufstieg und Vermögensaufbau sind rein statistisch die Themen, die mich in den kommenden zehn Jahren intensiv beschäftigen werden. Niemals mehr werde ich mich demnach so erschöpft fühlen, niemals mehr so wenig Freizeit haben. Keine guten Aussichten, könnte man meinen. Aber eigentlich sind es nicht so sehr lange Arbeitszeiten und durchwachte Nächte bei kleinen Kindern, die mich am Vorabend meines 30. Geburtstages melancholisch werden ließ. Im Grunde wünsche ich mir das alles. Warum also schwermütig werden? Es hat mit Abschied zu tun, mit Sterblichkeit sogar. Nicht weil man mit 30 normalerweise dem Tod schon täglich ins Gesicht schaut, sondern weil mit diesem Alter das eigene Erwachsenwerden endgültig nicht mehr abzustreiten ist, ohne dass es lächerlich wirkt. Das überwiegend studentische Selbstverständis, dass mich die letzten zehn Jahre getragen hat, wird über kurz oder lang seine Kraft verlieren. Die Lebensphase, die vor uns 30jährigen liegt ist dagegen neu, unvertraut. Es ist die Ahnung, dass die Systemlogik, die uns durch Zivildienst, Uni, Auslandssemester und erste Stelle gebracht hat, so nicht mehr funktionieren wird, dass wir unsere Strategie ändern müssen. Und dass wir bestimmte Dinge nicht mehr ohne Weiteres tun können werden, ohne dass unser Umfeld uns zu recht fragen wird, ob wir noch ganz bei Trost sind. Vielleicht ist das gar kein so neues Phänomen. Vielleicht hat schon Jesus es damals nicht mehr ausgehalten, mit Anfang 30 nun bald den (stief)väterlichen Betrieb zu übernehmen und Mutters Hinweise auf die nette Nachbarstochter immer häufiger zu hören.

„Schmerzensmänner“ nennt die Journalistin Nina Pauer solche jungen Männer um die 30, die ihr Leben zu Tode reflektieren, selbstbezogen den ganzen Schmerz der Welt vor sich her tragen und Bon Iver-Songs auf der Gitarre spielen. Ich trage zwar weder Bart noch Hornbrille und bin auch schon lange in einer glücklichen Beziehung, trotzdem fühle ich mich und meine Gefühlslage in den Tagen rund um meinen 30. damit gut beschrieben. Ich bin dabei allerdings in guter Gesellschaft: Der Schmerzensmann ist in der Kunstgeschichte eine Darstellung Jesu. Nicht am Kreuz, aber mit allen Wunden der Kreuzigung. Kein makelloser Held, aber einer, der aufrecht stehen kann. Das will schon etwas heißen. Ich tauge nicht zum Wanderprediger und die Welt muss auch nicht mehr erlöst werden. Also sollte ich mich vielleicht an den halten, der das erledigt hat. Der schlug ja vor allem zwei Dinge vor: Umkehren und ans Evangelium glauben.

Umkehren also. Mich nicht für den Mittelpunkt des Universums halten, sondern mehr für andere tun. Weil die auch Mittelpunkte von Universen sind. Von ihren eigenen nämlich. Und es ist eine hochsensible Angelegenheit, wenn diese Universen miteinander in Berührung kommen.

Ans Evangelium glauben. Nicht in erster Linie mit dem Verstand, sondern darauf vertrauen, dass das Leben auch dann – vielleicht sogar besonders dann – Sinn macht, wenn ich nicht die Zeit habe, work&travel durch Australien zu planen und im Rennen um die neuesten Gadgets den Anschluss zu verlieren drohe.

Klingt für mich nach einem guten Plan, um in der Rush hour nicht die Nerven zu verlieren.

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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1 Kommentar

  1. Einfach mal zurücklehnen und vertrauen, ein guter Gedanke.
    Zur Besinnung finde ich auch noch gut:
    “Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit…” (Prediger 3,1ff.).
    Und zum Aussteigen aus der Rush Hour: Tom Hodgkinson lesen bringt einen auf gute Gedanken :-)

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