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Glaube - Leben - Popkultur

Spielt, spielt, sonst sind wir verloren!

Bildrechte: Monika Oumard  / pixelio.de

Bildrechte: Monika Oumard / pixelio.de

Um es gleich zu sagen: Ich habe mit Karneval nicht viel am Hut. Weder die saarländische Faasend, noch die schwäbische Fasnet, noch der rheinische Karneval haben mich an meinen bisherigen Lebensorten dazu gebracht, Sitzungen kostümiert zu besuchen oder von einem Wagen herunter einen analogen Candystorm auszulösen.

Nun hatte ich vor kurzem von Berufs wegen eine sehr intensive karnevalistische Begegnung. In der Citykirche, an der ich arbeite, fand ein Gottesdienst zur Eröffnung der diesjährigen Karnevalssession statt. Als jemand, der sonst über das erfreulicherweise verlängerte Karnevalswochenende lieber allen Stadtzentren fern bleibt, war ich gespannt, wie die beiden für mich ziemlich unvereinbar wirkenden Welten Karneval und Kirche einander begegnen würden.

Schon eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes ist die Kirche brechend voll. Die Menschen sind nicht voll kostümiert, sondern tragen Narrenkappen und ähnliche Dinge, die sie als Mitglied einer der zahlreichenden Karnevalsvereinigungen der Stadt erkennbar machen. Der Karnevalsprinz Thomas II., der übers Jahr sicher oft vor vielen Menschen sprechen muss, nimmt mit sichtlichem Respekt das dicke Buch in die Hände und murmelt unsicher „Au, dat Evangelium…“, bevor er sich in den Text vertieft, den er im Gottesdienst vorlesen soll.

Zu Beginn des Gottesdienstes ziehen der katholische und evangelische Pfarrer mit den Fahnenträgern all dieser Vereinigungen in die Kirche ein, eine Blaskapelle spielt dazu „Land of Hope and Glory“. Culture Clash in mehrfacher Hinsicht, denke ich da noch, aber sonst auch nicht so viel anders als die Fronleichnamsprozessionen in meiner Kindheit.

Ich kann nicht alles verstehen, was in diesem Gottesdienst gesprochen wird, denn er wird überwiegend im regionalen Dialekt gehalten, der Pfarrer hält seine Predigt als Büttenrede und spricht über nichts Leichteres als seinen eigenen Tod. Den Zusammenstoß verschiedener Welten merkt man immer weniger, je länger der Gottesdienst dauert. Irgendwann merke ich, wieso ich mich trotz meiner geringen Begeisterung für den Karneval hier wohl fühle: Schon lange habe ich nicht mehr so viele Menschen in einem Gottesdienst so gelöst (und erlöst?) erlebt. Es wird viel gelacht, ich schaue in fröhliche, aufgeweckte Gesichter, die nach dem Gottesdienst noch die Kneipen bevölkern, um die Eröffnung dieser besonderen „heiligen“ Zeit noch weiter zu feiern.

Karneval ist ein Spiel für Erwachsene. Weil sie darin in Rollen schlüpfen können, wie es unter anderen Umständen nicht akzeptiert wäre, weil sie die eigene Haut für eine bestimmte Zeit abstreifen oder erst richtig zum Vorschein kommen lassen können. Und wie jedes Spiel ist der Karneval gleichzeitig ernst und heiter. Er verbindet Komik und Tragik des Lebens, wie in der lauthals belachten Büttenrede über das Sterben. Der Theologe Hugo Rahner behauptete schon vor Jahrzehnten, dass der Mensch – wenn er spielt – einer ist, „der die bunte Welt liebt und zugleich belächelt, der um ihre Herkunft aus Gott weiß und zugleich um ihre Grenzen“. Spielt weiter, möchte man da all den Jecken zurufen, spielt so oft ihr könnt.

tl;dr

Der Karneval verbindet spielerisch das Schwere und das Leichte des Lebens. In dieser Beziehung ist er für viele Menschen ein spirituelles Erlebnis.

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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