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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Selbstbehauptung und Grenzen

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio.de

Kerzenschein statt Blaulicht. Statt leuchtroter Polyesterjacke die Lieblingstrickweste. Kaffee, natürlich. Aber nicht aus einem der abgenutzten IKEA-Becher, die Lieblingstasse. Meine junge Kollegin sitzt mir gegenüber, am Küchentisch bei ihr zuhause. Ich bin zu Besuch.

Gestern Nacht – der Melder riss sie und ihre Kollegen aus dem Schlaf. „Medizinischer Notfall – bewusstlose Person“ Ihre erste Reanimation. Der Mann, Anfang 60, schon kalt als sie ankommen, Leichenflecken. Ihr Versuch unermüdbar, ein Versuch, ihn wiederzubeleben. Er ist es wert. Es ist ihr Auftrag. Die Handgriffe sitzen, das Schema läuft ab. Das Team arbeitet, hellwach, konzentriert. Der Reanimationsalgorithmus ist ein perfider Plan, den sterbenden Menschen zurück ins Leben zu
holen. Dieser ausgereifte Plan wird von qualifizierten Kommissionen, die europa- und weltweit zusammenarbeiten, immer wieder überprüft, optimiert. Doch jede freie Minute ohne Wiederbelebungsmaßnahmen – und so sei es das Drücken auf den Brustkorb, damit das Blut weiter zirkulieren kann – entspricht einigen Hundert Metern auf dem Weg in das helle, warme Licht.

Der Patient meiner jungen Kollegin, er ist gestorben. Multiple Vorerkrankungen. Die Zeit, bis er gefunden wurde, schwer abzuschätzen. Chance: gegen Null. Die Tochter schreit. Sie kreischt, weint. Die Unfassbarkeit des Moments zerrt sie zu Boden. Überforderung. Adrenalin strömt, während dem gesamten Einsatz. Adrenalin beruhigt die Nerven, weil es den Körper funktionieren lässt. Nach dem Einsatz, Aufregung. Nach der Schicht, Müdigkeit. Meine Kollegin fährt nach Hause, legt sich schlafen. Als sie wach wird, brechen die Tränen aus ihr heraus.

Mit den Tränen kommt das Mitleiden, die Traurigkeit und die bittere Gewissheit, dass es nur eine Laune des Schicksals war, dass es nicht ein lieber Angehöriger von ihr selbst gewesen ist. Mit den Tränen kommen die Selbstzweifel, die Fragen nach der Motivation, die Gegenfrage der Überforderung. Sie meldet sich bei mir. Ich sage auf einen Kaffee zu. Momente im Leben, für die es keine App gibt. Benötigt: etwas Zeit, ein offenes Ohr, ein gutes Wort.

Während sie erzählt, weicht ihr Blick von mir immer wieder ab, er verfängt sich im Leeren und ich sehe in ihren Augen wie der Einsatz einem Film gleich wieder durchgespult wird. Fehleranalyse. Ihre Händen halten sich einander. Halt, Schutz. Und trotz aller Erinnerung, trotz allem Eintauchen in die Gefühlswelt dieser Nacht, sie sprudeln: die Ängste vor der ersten Reanimation, die Frage, wie es sich wohl anfühlt, wenn du auf dem Brustkorb eines fremden Menschen herumdrückst, ob du dich beirren lässt von dem Brechen der Rippen. Sie spricht alles aus. Und mit ihnen kommt auch all das Gute zum Vorschein: ihr Können und ihre Fertigkeiten, ihre Motivation und ihr Wille, ihr Bestes zu geben! Befreiend.

Professionalität besteht aus dem Beherrschen des Handwerks, aus Wissen und Fertigkeiten. Berufe, in denen mit Menschen gearbeitet wird, bedürfen genau diesen professionellen Qualifikationen. Und noch mehr: der kritischen Rückfrage an sich selbst, der Vergewisserung, dem Blick auf den Menschen selbst. In diesem Falle zeigt meine Kollegin Empathie, die Fähigkeit, mitzufühlen, mitzuleiden. Professionalität in Sachen Menschlichkeit!

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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1 Kommentar

  1. Hi guter Artikel trifft denk ich auf viele Frischlinge zu. Nur ich würde dass mit den Leichenflecken rausholen. Wenn ein Patient Leichenflecken hat sollte man erst gar nicht mehr anfangen. In dem Fall war es wohl auf Anweisung NA wie mir jemand gesagt hat aber trotzdem nicht empfehlenswert diese Passage ;)

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