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Glaube - Leben - Popkultur

Gast – Gespräche

Olga-Meier-Sander / pixelio.de

Olga-Meier-Sander / pixelio.de

Drei Bundesländer, drei Städte, drei Theologen als Tandem unterwegs –  ein Ziel: Erfahren, was Menschen heute bewegt, wie sie leben und was sie mit „Kirche“ verbinden. Initialzündung für das Interviewprojekt der Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten aus dem Bistum Trier war ihre gemeinsame Exkursion an einen besonderen Kirchenort im nördlichen Ruhrgebiet, den sie im Rahmen ihrer Ausbildung besuchten: In der Gastkirche in Recklinghausen finden Menschen offene Türen und offene Ohren. Für ihre Trauer und Angst ebenso wie für ihre Freude und Hoffnung. Eine faszinierende Form von Kirche – eine, die die Lebenswelt der Menschen nicht fürchtet, sondern danach fragt und die das Leben der Menschen in all seinen Höhen und Tiefen im Gottesdienst feiert (s.u.). Für eine Kirche, die den Weg zu den Menschen sucht, machten sich auch die Trierer Theologen auf: Sie haben Menschen auf der Straße, in Cafés oder am Bahnhof nach ihrem Lebensdesign befragt und schildern für MANNA ihre eindrücklichsten Erlebnisse.

„In Ordnung, fünf Minuten habe ich“. Die Studentin schaut konzentriert auf ihre Uhr. Fünf Minuten, dann trifft sie sich mit ihrer Lerngruppe. Bis dahin schenkt sie uns ihre Zeit und Aufmerksamkeit hier im Café Blau, der Bonner Szene-Bar direkt an der Uni. „Was wollt ihr wissen?“, erhöht die junge Frau das Tempo. In wenigen Wochen steht das Physikum an. Bis dahin ist jede Sekunde kostbar und quälend zugleich. „Was macht dir Sorgen?“, fragen wir zurück. „Die Uni, die Zwischenprüfung, die Frage, ob das Studium überhaupt das Richtige für mich ist.“ Wir versuchen es positiv: „Was treibt dich an?“. Auch hier wird das Gehörte mit dem Hörsaal verknüpft: „Mitstudenten, die schon weiter sind und die Aussicht, dass das Studium ein absehbarer Zeitraum ist.“ Das größte Glück? „Ein erfolgreiches Studium.“ Wir hatten es bereits vermutet. Aber dann weitet sich der Blick der 25-Jährigen doch noch: Das größte Glück – das wäre auch „eine Familie mit einem geeigneten Partner“. Und mit ernster Stimme ergänzt die nur auf den ersten Blick so selbstbewusst wirkende junge Frau mit den langen blonden Haaren, die in ihrer Freizeit gerne Sport macht und Geige spielt: „Aber das ist ja heute nicht immer so einfach.“ Die fünf Minuten sind rum, die Studentin zahlt ihren Latte Macchiato. Eine Frage noch: „Was verbindest du mit Kirche?“. Die Antwort kommt prompt: „Ich bin nicht religiös. Das betrifft mich nicht, damit setze ich mich nicht auseinander.“ So radikal hat das heute noch niemand beantwortet. Doch obwohl die Kommilitonen warten, legt sie ihren schweren Lernordner dann doch noch einmal auf den Hocker neben sich. Denkt nach. „Mir fällt noch was ein: Das Erntedankfest im Kindergarten. Das hat viel Spaß gemacht. Da hab ich eine Sonnenblume gespielt. Und den Religionsunterricht mit den Erzählungen aus der Bibel und den kirchlichen Liedern fand ich schön.“ Wir sind verblüfft. Wünschen der jungen Frau alles Gute für die anstehenden Herausforderungen. Sie hört es nur noch halb, da ist sie auch schon zur Tür des Café Blau heraus. Keine Zeit zum Blaumachen. [Christopher Hoffmann]

 

Die Sonne scheint. Keine einzige Wolke befindet sich am Himmel. Es ist unangenehm warm. Kaum Schatten – und ER steht da. Steht einfach nur da – mitten auf dem Stummplatz in Neunkirchen – und schaut ganz starr vor sich her. Das Ganze eine gefühlte Ewigkeit. Beim Kaffeetrinken in einem Café am Rande des Platzes ist der Mann Anfang 30 mit den dunklen kurzen Haaren und der roten Kappe mir zum ersten Mal aufgefallen. Als mein Kollege und ich dort circa 20 Minuten später aufbrechen, steht er immer noch genauso da. Die Neugierde an diesem Menschen ist geweckt. Ich setze mich auf eine nahe gelegene Bank und beobachte ihn. „Wie kann jemand bei dieser drückenden Hitze vormittags einfach nur so da stehen? Wer ist dieser Mensch? Warum steht er da?“, frage ich mich. Schließlich stehe ich auf, gehe zu ihm hin, stelle mich vor und bitte ihn als Gesprächspartner für mein Interview. Er lächelt mich verlegen an – er hat wohl nicht damit gerechnet hier von irgendwem angesprochen zu werden. Gerne erklärt er sich dazu bereit, dass ich ihm ein paar Fragen stellen darf. 20 Minuten stehen wir da, mitten im Trubel und der drückenden Hitze auf dem Stummplatz. Der junge Halbitaliener, der ein einfaches weißes T-Shirt und eine lange Jeans trägt, berichtet freudestrahlend von seinem Lieblingsfußballverein Juventus Turin und seinem Lieblingsrennstall in der Formel 1, der ihn an seine italienische Heimat erinnert. Regelmäßig verfolgt er die Spiele und Formel 1-Rennen im Fernsehen – meistens alleine. Auf die Frage hin, was das größte Glück für ihn wäre, antwortet der junge Mann, der während dem Gespräch immer offener und lebendiger wird: „Endlich noch einmal mit der ganzen Familie zusammen sein, denn die meisten meiner Verwandten leben in Italien.“ Gegen Ende des Gespräches frage ich ihn, was er sich von seiner Zukunft erwartet. Seine Antwort lässt mich schließlich erahnen, warum er die ganze Zeit so da steht und was ihn wohl alles so beschäftigt: „Mein größter Wunsch ist es endlich eine Arbeitsstelle zu haben.“ Er macht eine Pause und spricht dann leise weiter: „Eigentlich habe ich noch nie richtig gearbeitet, weil ich nur einen Hauptschulabschluss und keine Ausbildung gemacht habe.“ Noch einmal legt er eine Pause ein und spricht dann leise weiter: „Niemand hat mir eine Ausbildungsstelle angeboten. Alle haben mich abgelehnt.“ [Annika Frank]

 

Sie steht am Trierer Hauptbahnhof mit ihrem holländischen Damenrad. Vorsichtig sprechen wir die ältere Dame an. Sie scheint ganz verunsichert zu sein, weiss nicht wirklich, ob sie mit uns, zwei Unbekannten, sprechen möchte. Sie sei nur eine Touristin aus den Niederlanden und sie wartet auf ihren Mann, lässt sie uns wissen. Aber ok, ganz kurz kann sie uns helfen und auf unsere Fragen antworten. Sorgen? Nein, hat sie nicht wirklich. Oder ist das eine Antwort nach dem „Telefon-Befragungsprinzip“: Schnelle Antwort, schnell in Ruhe gelassen werden? Inzwischen ist der Mann da, dynamisch, klar und selbstbewusst. Seine Frau fasst unser Anliegen schnell zusammen. Gut, machen wir weiter. Sorgen? Halt im Leben? „Hmm…Seid ihr von der Kirche?“,  verblüfft uns der Mann mit der plötzlichen Frage. „Ja… aber…“, erwidern wir. Beim „aber“ hat uns das Paar schon den Rücken zugedreht, eilt mit schnellen Schritten Richtung Ausgang. Das „aber“ wollte gerade erklären… Mit dem „aber“ schauen wir uns in die Augen und stehen da. Mit einem komischen Gefühl und hunderten Fragen nach dem Mensch und der Kirche… [Tomasz Welke]

 

„Sie wollen doch etwas Bestimmtes hören, Gott oder so?“, antworten die zwei älteren Damen auf einer Bonner Parkbank auf die Fragen: Wo tanken Sie Kraft? Was gibt Ihnen Kraft? Der bisherige Verlauf des Interviews hat wohl vermuten lassen, dass da jemand von Kirche unterwegs ist und wissen möchte, was Menschen heute beschäftigt. Kann man da wirklich sagen, was man denkt? Doch dann sagen die zwei Frauen schließlich, dass ihnen ihre Familien Halt und Kraft geben und die Freunde, die bei den kleinen und großen Problemen des Alltags helfen. Die Tatsache, dass sich jemand für ihre Meinung interessiert, scheint tatsächlich für Erstaunen zu sorgen. Wenn sie an das Wort Kirche denken, kommt ihnen vor allem die Ruhe in den Gotteshäusern in den Sinn. Dann der Reformstau und dass die Inhalte des Glaubens nicht gut vermittelt würden. „Kirche ist nicht wirklich für die Menschen da“, sagen sie, „und zu sehr auf sich selbst hin orientiert, der normale Bürger oder Christ spielt doch keine Rolle für die Hierarchie.“ Es dauert nicht lange, bis unsere Interviewpartnerinnen ihre Erwartungen an die Kirchen aussprechen: „Die Darstellung von Gott ist altbacken, ein anderes Gottesbild wird gebraucht: Wir sind jetzt auf dem Mars gelandet und die sagen uns, dass Jesus hinter den Wolken verschwunden sein soll. Ich fühle mich manchmal für dumm verkauft.“ Gerne würde ich antworten, doch heute bin ich zum Fragen und Hören unterwegs … [Florian Kunz]

 

Ein ganz normaler Dienstagmorgen am Trierer Hauptbahnhof. Wenig Trubel herrscht hier zur Vormittagszeit. Im kleinen Bahnhofscafé sitzen wir, gegenüber von uns zwei junge Österreicher, die auf ihren Zug warten. Während der ersten Wortwechsel erfahren wir, dass sie zurzeit ein mehrwöchiges Praktikum in Deutschland absolvieren. Wir werden neugierig, wollen mehr erfahren. Die beiden sind aufgeschlossen und schnell vertieft sich unser Gespräch. „Was bereitet euch Sorgen?“ Die Antwort kommt prompt: Zukunftssorgen – sowohl im Privaten als auch im Allgemeinen: Sorge, dass das Berufspraktikum nicht den richtigen Weg weist und sie den falschen Beruf wählen. Sorge aber auch um die momentane politische Entwicklung weltweit und die Angst vor einem Krieg. Im Stillen bejahen wir die Gedanken, können mit ihnen mitfühlen. Was ihnen Halt und Kraft schenkt in dieser aufregenden Zeit der Berufswahl, wollen wir wissen. Wie aus einem Munde antworten beide: „Unsere Familien. Sie sind immer für uns da und unterstützen uns.“ „Und meine Träume.“, ergänzt einer von ihnen. Wir knüpfen an und fragen sie nach dem größten Glück, das sie sich vorstellen können. Auch hier Konsens: „Selbst eine Familie gründen. Und einen Beruf finden, der Zufriedenheit mit sich bringt und Zeit für die Familie lässt.“ Wir gehen noch einen Schritt weiter und fragen sie nach Assoziationen, die ihnen zum Stichwort „Kirche“ einfallen. „Ich bin katholisch.“ Die klare Antwort erstaunt uns.  Sein Freund ergänzt: „Mein Glaube ist nicht an den Kirchgang gekoppelt. Ich bin gläubig und gehe regelmäßig zur Kirche – aber nicht jeden Sonntag.“ Welche Erwartungen sie wohl an die Kirche haben? Auch hierzu äußern sich beide klar: „Die Kirche darf nicht mehr so starr und traditionell sein, da muss endlich mal ein neuer Wind rein.“ „Ich wünsche mir mehr Offenheit und mehr Einsatz für die Menschen, vor allem für uns Jugendliche.“ Der Zug wartet und die beiden verabschieden sich von uns. Als sie die Bahnhofshalle durch die Glastür verlassen, weht uns ein frischer Windzug entgegen…[Judith Anna Schwickerath]

 

Recklingshausen, Foto: Steffen Stutz

Recklinghausen, Foto: Steffen Stutz

 

 Die Pastoralassistentinnen und -assistenten im Bistum Trier bei ihrer Exkursion in Recklinghausen   (v.l.n.r.): Florian Kunz, Tomasz Welke, Sebastian Leinenbach, Annika Frank, Judith Anna Schwickerath, Christopher Hoffmann. Weitere Informationen zur Gastkirche in Recklinghausen gibt es unter www.gastkirche.de

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

2 Kommentare

  1. lieber Herr Hoffmann!
    Nach Abschluss des Wintersemesters möchte ich Ihnen (noch einmal)ein Kompliment zu Ihrer “Expedition” und zu Ihrem Mut zur Durchführung dieser Interviews aussprechen. Nachdem ich mich in letzter Zeit intensiver mit der Sozialraumorientierung und einer Sozialraumorientierter Pastoral beschäftigt habe, reift in mir der Gedanke, die Pastoraltheologie zu einer Art “Pastoral-Ethnologie” weiter zu entwickeln. Ihre Initiative ist ein gelungener und anschaulicher Beitrag in diese Richtung. Alles Gute erbitte ich für Sie und Ihren Kurs! Martin Lörsch

  2. Lieber Christopher, liebe Annika,
    herzlichen Dank für die Vorstellung und das lebendige Erzählen eurer Straßengespräche. Es hat gezeigt: Die “Straße” ist eine Lehrerin. Sie ermöglicht Begegnung auf Augenhöhe, ist direkt, liefert Wahrheit und lehrt Demut. Ein guter Lernort für Theologen/-innen und für Kirche.
    Im Sommersemester 2013 werden sich Theologiestudierende in Trier auf die Straße begeben. Zudem werde ich im Mai Straßenexerzitien in Neunkirchen/Saar anbieten.
    Wir sollten noch mehr offensivere Begegnungsmöglichkeiten schaffen, die , da bin ich zuversichtlich, von Menschen wert geschätzt werden.
    Alles Gute für Euch und den gesamten Kurs

    Peter Moosmann

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