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Gedicht in Stein

 

Die Glaskathedrale. Mehr als ein Bahnhof.

Die Glaskathedrale. Mehr als ein Bahnhof.

Ich mag Bahnhöfe. Ich mag es, mir unbekannte Bahnhöfe Schritt für Schritt zu erkunden. Mit diesem leichten Gefühl der Aufregung, schon Mal den Weg zum Gleis abzugehen, den Zeitschriftenladen zu durchstöbern, leckeren Proviant für die Reise zu besorgen, umherzuschlendern und dann, in einer Mixtur aus Entspanntheit und Vorfreude einen coffee to go zu schlürfen, Passagiere zu beobachten und ja und früher, es müssen wohl die 80er gewesen sein, als kein Mensch im Traum an Käfige für Raucher dachte, machte eine unbeschwerte Zigarette die Situation nahezu vollkommen, denn der Kauf von „toujours liberté“ hielt, Zug um Zug, was er versprach und schickte die Gedanken auf eine verwegene Reise.

Am 2. Februar feierte der größte und wohl auch schönste Bahnhof der Welt, der Grand Central Station seinen hundertsten. Anlass für so manchen Artikel. Obwohl ich diese Glaskathedrale nur von Bildern kenne, entzünden die faszinierenden Fakten meine Phantasie. Ich stelle mir also vor, dass ich mitten drin stehe, in dieser globalen Ikone. Menschen kommen und gehen. Jeder und jede darf sein, niemand wird von Sicherheitsleuten aufgrund eines fehlenden Dresscodes vor die Tür gesetzt. Alle bekommen, genau das, was sie für ihre Weiterfahrt benötigen. Hier werden Menschen bewegungsfähig gemacht. Sie dürfen so lange bleiben, wie sie wollen. Sie dürfen aber auch ihre Koffer packen und weiterziehen, denn erzählt nicht die Schrift vom geheilten Gelähmten, den Jesu aufforderte: „Nimm deine Bahre und geh!“ (Mk 2,1-12)

Dieser eindrucksvolle Ort, dieser Prachtbau im Beaux-Arts-Stil, hat in seiner Geschichte bewegende Tage und weniger glanzvolle Zeiten durchstehen müssen. Am 8. Januar 1902, um 8.20 Uhr missachtet ein Fernzug in einem dampfverpesteten Tunnel unter der Park Avenue ein Signal und rast in einen Vorortzug. 17 Menschen kommen um, 36 erleiden teils schwerste Verletzungen. Es ist das schlimmste Zugunglück in der Geschichte Manhattans. Der Horror hat Folgen. Erstens: Dampfloks sind in Manhattan fortan verboten. Zweitens: New Yorks erst drei Jahre alter Hauptbahnhof, ein Labyrinth aus Schuppen, Gleisen und Tunneln im Herzen Manhattans, wird völlig neu gebaut. Statt Schockstarre und dauerhafte Lähmung, grandioser Kraftakt zum Neubeginn. Auf die Katastrophe folgt die notwendige Konsequenz. Mit Erfolg bis heute.

Und noch eins lehrt die jüngere Vergangenheit dieses Bahnhofs der Superlative: In schlechten, vielleicht aussichtslosen Situationen kommt es auf einzelne Menschen an. In den 60er, längst war die goldene Zeit von Filmstars auf rotem Teppich in Vergessenheit geraten, sollte die Grand Central Station platt gemacht und unter einem 55-stöckigen Wolkenkratzer begraben werden. Viele New Yorker sind entsetzt. Allen voran die frühere First Lady Jackie Kennedy Onassis, die sich mit ihrer Popularität für den Erhalt stark macht. Jahrzehntelang wird vor Gericht um den Denkmalschutz gestritten. Doch erst 1978 urteilt der Oberste US-Gerichtshof zugunsten von Grand Central.

Was hat die First Lady so an diesem Ort fasziniert? Vielleicht lag es am Deckengewölbe, dessen gemalter Sternenhimmel der astronomischen Realität entspricht, aber spiegelverkehrt angebracht wurde. Ein kurioses Versehen der 50 Maler oder verwegene Absicht, um den Sternenhimmel aus der Sicht Gottes darzustellen und ihm so einen Zugang zu gewähren? Vielleicht trägt dieses Firmament mit dazu bei, dass Reisende ihre Blickrichtung ändern, sie magisch nach oben gezogen werden, um Unsichtbares zu entdecken und dann für Augenblicke die Gewissheit von Heimat im Treiben des Alltags verspüren. Ja die goldene Uhr, genau in der Mitte der Halle. Die gibt es immer noch. Treffpunkt für Reisende und Liebende. Vielleicht verliert hier die Zeit, angesichts von Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz ihren Schrecken im Vorgeschmack von Ewigkeit. Ich mag Bahnhöfe. Ich sollte dringend wieder mit der Bahn verreisen.

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