Pages Navigation Menu

Glaube - Leben - Popkultur

KreuzWortFeuer: Im Stau

Bildquelle: Petra Bork  / pixelio.de

Bildquelle: Petra Bork / pixelio.de

In seiner Kolumne “KreuzWortFeuer” nimmt Tobias wieder ein eher unbekanntes Stück aufs Korn. Dafür aber eines, das im Alltäglichen die wirklich bohrenden Fragen angeht. Ein Stück für Busfahrten, Regentage und Kreuzungen…

Vor einiger Zeit, als die MP3-Player noch eine Speicherkapazität hatten, die deutlich unter einem Gigabyte lag, habe ich mir einmal eine CD zusammengestellt, die den Titel „Hip Hop Melancholie Mix“ trug. Es war Winter und ich war zu dieser Zeit oft mit dem Bus unterwegs, wodurch ich viel – vermutlich zu viel – Zeit zum Nachdenken hatte. Wenn es regnete, schien es mir manchmal, als ob sich meine innere Stimmung und das Wetter abgesprochen hätten.
Den konkreten Anlass, diese CD zusammenzustellen weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es die Feststellung, dass ich viel Musik kannte, die sich genauso anhörte, wie eine Busfahrt durch regnerische Straßen, auf der man in die Gegend an sich vorbeiziehen sieht. Also habe ich eine Art Soundtrack dafür erstellt. Ich habe einmal gelesen, im Leben fehle meistens die Hintergrundmusik, wie es sie im Film gibt.
Programmatisch für diese Zusammenstellung an Liedern war „Stau“ von Fiva MC, in dem das Thema Regen sogar im atmosphärischen Intro vorkommt. Dieses Lied ist dem durchschnittlichen Musikkonsumenten wohl leider unbekannt, da es nur auf dem Album „Spiegelschrift“ zu finden ist. Dennoch ist das Lied es wert, einem größeren Publikum vorgestellt zu werden.

Bei mir trifft es, wenn ich viel Zeit zum Nachdenken habe, noch oft meine Stimmung.
Manchmal sitze ich irgendwo und frage mich, wo es für mich hingehen soll. Und zwar ganz global. Dazu kommt dann noch die Frage nach den Dingen, die ich bisher so gemacht habe. Was will ich machen mit meinem Leben? Hab ich am richtigen Ort studiert?
Im Grunde hätte ich nach dem Abitur noch viele andere Möglichkeiten gehabt. Vielleicht hätte ich im Ausland studieren können, in Frankreich, Großbritannien oder in den USA. Dann hätte ich vielleicht auch bald ein Erinnerungsfoto meiner Abschlussklasse in Talaren, wie man das in Filmen immer sieht.
Heutzutage stehen einem, sofern man ein Mittelschichtkind ist, so viele Möglichkeiten offen. Hürden für eher außergewöhnliche Lebensläufe gibt es kaum noch. Arbeiten im Ausland? Die EU macht’s möglich. Studieren bei exorbitanten Studiengebühren im Ausland? Wenn du gut genug bist, bekommst du ein Stipendium.
Oder hätte ich vielleicht hier studieren sollen, aber ein anderes Fach? Vielleicht etwas, das man besser „nutzen“ kann, als Geisteswissenschaften? Ich hätte auch gar nicht studieren können und stattdessen ein Handwerk lernen können. Das ist wenigstens was Handfestes.
Also, warum habe ich eigentlich das gemacht, was ich gemacht habe? Warum habe ich nicht einen anderen Weg eingeschlagen? Und sollte ich vielleicht doch etwas komplett anderes machen, als ich ursprünglich dachte?
Mit solchen Fragen kreise ich an manchen Regentagen um mich selbst und komme zu keinem Ende. Ja, Nein, Vielleicht, Aber,… Es gibt so viele Beispiele anderer Wege, die ich hätte einschlagen können, oder es noch tun könnte. Führt das, was ich tue vielleicht nachher in eine Sackgasse?

Kreuzwortfeuer_Logo_Platte KopieDiese Fragen hängen manchmal auch mit anderen Menschen zusammen. Wenn ich mich ab und zu mit Anderen darüber austausche, was ich so gemacht habe und noch vorhabe, treffe ich auf Leute die sich ihrer Sache ganz sicher sind: „Also, ich will auf jeden Fall von hier wegziehen!… Im Ausland leben!“ „Also Lehrer sein…echt?!…Das könnte ich nicht. Die nervigen, unerzogenen Kinder…!“ Diese Sprüche ließen sich noch lange fortführen. Bei meinen verschiedenen Gegenübern zeigt sich dabei manchmal ein erstaunliches Sendungsbewusstsein: „Am besten machst du es so, wie ich“ steht dann unausgesprochen im Raum. Und allgemein scheint an jeder Ecke ein Ideal rumzustehen, das weiß, was man als junger Mensch mit seinem Leben anfangen sollte und das nur darauf wartet, mich zu überfallen und mitzuschleppen.

Ich lasse mich davon oft ins Grübeln bringen.
Ich glaube, Fiva MC ging es ähnlich wie mir, als sie ihren Text schrieb. Sie hatte das Gefühl festzustecken in Überlegungen wie diesen. Aber sie hat eine Lösung dafür gefunden. Sie steckt im Refrain des Textes: „…wenn du weißt, wohin dein Weg geht, verlier’ ihn nicht“, sagt sie. Als ich mir bewusst wurde, was sie da eigentlich sagt, wurde mir klar, dass das ein tiefer Gedanke ist, den Fiva unter anderem mit dem Philosophen Harry G. Frankfurt teilt. Frankfurt sagt, dass es bei der Frage, wie wir leben sollen, darum gehe, klar zu erkennen, an welche Wünsche man sich bindet. Und wenn man das erkannt hat, gelte es „mit unerschütterlichem Vertrauen daran festzuhalten.“

Mir wurde durch diesen Gedanken etwas klar: Wenn ich weiß, wohin ich will – und wenn ich das, was ich im Leben vorhabe, grundsätzlich verantworten kann – dann ist es gut, daran festzuhalten. Das Gleiche gilt für meinen bisherigen Weg. Wenn ich sagen kann: „Das war gut“, dann muss ich nicht dauernd über mögliche verpasste Alternativen nachdenken.
Ich brauche ich mich nicht von fremden Idealvorstellungen ablenken zu lassen. Ich vertraue darauf, dass ich richtig gewählt habe.
Und ich vertraue darauf, dass mir Gott im Zweifel vom Himmel her ab und an einen kleinen Wink gibt, der mich bestärkt. Vielleicht auch einen sanften Schubs in die richtige Richtung, wenn ich drohe, mit meinen Entscheidungen in eine Sackgasse zu geraten.
Vielleicht war das so ein kleiner Schubser, als ich dieses Lied gehört habe, in dem eine junge Frau im Stau steckt.

 

Tobias WeyandTobias Weyand studiert Theologie in Trier und ist Musikfan ohne Genre-Grenzen. Auf seinem MP3-Player bringt er deswegen gerne auch mal Metallica, Blumentopf und die Wise Guys in derselben Liste unter. Er ist immer auf der Suche nach inspirierenden Texten und Melodien, sowie nach Filmen und Büchern.

Letzte Artikel von Tobias Weyand (Alle anzeigen)

2 Kommentare

  1. Danke für diesen Text, der mir aus der Seele spricht! Und mir in meinem Ringen, ob das, was ich tue, das Richtige ist, und die Entscheidungen, die ich getroffen habe, die richtigen waren, ein bisschen Mut und Gottvertrauen gegeben hat.

  2. Ist zwar inzwischen schon ein bisschen her, aber schön dass dir der Text ein wenig weiterhelfen konnte.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>