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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Frieden

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Wir sind gut drauf! Eine entspannte Spätschicht, trotz des stürmischen Wetters und des immer wieder einsetzenden Regens. Es ist schon dunkel, ein Zeichen dafür, dass der Feierabend der Spätschicht näher rückt. Wir sind gesättigt, haben uns soeben eine Pause gegönnt und ein fantastisches und prall gefülltes Sandwich einer bekannten Kette einverleibt. Prima! Voller Motivation geht es zum nächsten Auftrag: eine Entlassung. Abends um sieben Uhr? Normalerweise entlassen die Krankenhäuser am Morgen nach der Visite. Ungewöhnlich, aber nicht verwunderlich. Denn schließlich muss man im Rettungsdienst auf alles gefasst sein. Gerne auch mal auf eine
Entlassung am Abend.

Unser Eintreffen führt uns auf die Station der Gynäkologie, der Frauenheilkunde. Der Flur ist neu renoviert, wir werden von einer jungen Krankenschwester begrüßt und gibt uns nähere Informationen zu unserer Patientin. Der Grund für ihre Entlassung: sie wird sterben. In dieser Nacht, vielleicht morgen oder kommende Woche. Sie hat Brustkrebs. Ist am Ende. Ihr Wunsch, zuhause sterben. Eine Angehörige ist da. Sie möchte mitfahren. Auf dem Weg in das Krankenzimmer komme ich an einer Wand vorbei, auf der in großen, geschwungenen Buchstaben in blauer Farbe aus dem „Kleinen Prinzen“ zitiert wird: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Ein Neugeborenes schreit. Ob es Hunger hat? Wie nah Leben und Tod beieinander liegen.

Ich klopfe am Zimmer Nummer 14. Es ist das Zimmer unserer Patientin. Mein Blick in den Raum verrät mir die Besonderheit des Momentes, er kreuzt meine Bilder, meine Vorstellungen. Das Zimmer ist dunkel, lediglich eine kleine Lampe an der Wandleiste brennt. Es ist etwas heimelig, sofern man es in einem Krankenhaus behaupten kann. Aber es wirkt so auf mich. Das Bett der Patientin steht nicht mit dem Kopfteil zur Wand in den Raum hinein, sondern den langen Weg quer an der Wand. Sie ist alleine in diesem Zimmer. Sie liegt flach im Bett, die Augen geschlossen. Ihre Angehörige ist da, die ich per Handschlag begrüße. Eine ruhige, aber starke Stimme antwortet mir.
Es ist friedlich.

Patienten werden nicht immer mit Samthandschuhen angepackt. Gerade, wenn man zu zweit ist, bedarf es manchmal etwas mehr Kraftaufwand, um einen Patienten umzulagern, von Trage ins Bett oder umgekehrt. Das wirkt etwas rüpelhaft. Ist es auch. Und es ist okay, wenn man es erklärt und transparent macht. An diesem Abend werden die Samthandschuhe angezogen. Mein Kollege und ich erhalten Hilfe von zwei Krankenschwestern. Wir lassen uns Zeit. Ohne uns abzusprechen. Die Konzentration liegt auf unserer Patientin. Vielleicht ist es das Wissen, dass wir nicht mehr helfen können. Der Kampf gegen eine Krankheit, verloren. Resignation ist es keine.

Unsere Patientin wird sterben. Die Nase ist spitz, ihre Nichte erzählt, wie sich ihr Körper in den vergangenen Tagen verändert hat. Der Tod zeigt sich bereits. Auch wenn unsere Patientin das Leben verlieren wird, so bleibt eines: Ihre Würde. Und in all ihrer Würde betten wir sie um, erklären wir ihr jeden unserer Handgriffe. Sie soll sich wohl fühlen. Nicht weiter leiden.

Wir machen uns auf den Weg, den Flur hinunter in Richtung Fahrstuhl. Wir machen uns auf den Weg zu ihrer letzten Fahrt. Eine ehrenvolle Aufgabe. Eine Ehrensache.

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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3 Kommentare

  1. eindrücklich und berührend. danke!

    • Gut geschrieben… Ich bin froh über jeden offenen Mesnchen der sich in den Dienst des Helfens stellt. Alles wird belanglos und unwichtig, wenn der Weg des Menschen durch Krankheit gezeichnet wird oder seinem Ende entgegengeht. Wer das versteht, denkt anders…

  2. Hallo Jan! in vielen Deiner Worte und Gedanken finde ich mich wieder!
    Danke dafür….

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