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Glaube - Leben - Popkultur

Der Wert der Begegnung

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Copyright Benjamin Thorn / pixelio.de

Manchmal frage ich mich, ob ich mir heute eigentlich noch ausreichend den Blick freihalte für das, was im Leben wirklich zählt? Zu häufig ertappe ich mich dabei Dinge zu tun, die mit dem eigentlichen Leben nicht wirklich viel zu tun haben. Die komplexen Mechanismen in unserer Gesellschaft verstellen mir diesen wichtigen Blick allzu oft. Ständig werden wir doch bombardiert von Meinungen aus dem Politikbetrieb, von prophetischen Ankündigungen aus der Gesundheitsindustrie oder dem hochkomplexen Medizinapparat. Diese Mechanismen haben auch ihr gutes Recht in unserer Gesellschaft. Und doch erlebe nicht nur ich, dass elementare Dinge unseres Menschseins mehr und mehr verschüttet zu werden drohen. Erwische ich mich nicht gelegentlich selbst dabei, dass ich mich frage, was eigentlich noch wichtig ist in unseren modernen Tagen und ich dann verzweifelt nach einer Antwort suche? Welches sind eigentlich die elementaren Dinge in meinem Leben? Was macht mein Leben aus?

In meiner Doktorarbeit darf ich mich mit dem Freiburger Philosophen, Theologen und Priester Bernhard Welte (1906*–1983+) auseinandersetzen. Er hat sehr viel für die wissenschaftliche Theologie gearbeitet. Doch hat er dabei den konkreten Menschen nie aus dem Auge verloren. Bernhard Welte hat uns einige sehr einfache und schöne Texte hinterlassen. In einem von ihnen fragt er, was denn eigentlich das Wichtigste in einer Beziehung zwischen einem Arzt und seinem Patienten sei. Mich haben diese Gedanken sehr berührt, denn sie zeigen mir etwas Elementares.

Die Beziehung zwischen einem Arzt und seinem Patienten gründet darin, was Bernhard Welte den Dialog nennt. Was meint er damit? Im Miteinandersprechen und Miteinanderhandeln begegnen sich zunächst einfach einmal zwei Menschen. Zuerst findet keine Arzt-Patient-Begegnung, sondern einfach eine Begegnung von Mensch zu Mensch statt. „Es ist zu wünschen, dass der Patient dem Arzt traut, aber auch der Arzt dem Patienten. Diese Qualität des Vertrauens ist das Unbezahlbare in allem ärztlichen Handeln, so sehr es sonst der Bezahlung bedarf. Aber das Vertrauen kann man sich nur schenken, und zwar genaugenommen, nur gegenseitig.“ (Welte, Bernhard, Die Grenze im ärztlichen Handeln (1982), in: Bernhard Welte Gesammelte Schriften, hrsg. v. Bernhard Casper (Leiblichkeit, Endlichkeit und Unendlichkeit, I/3), Freiburg i. Br. 2006, 143). Nur dann, wenn sich beide Menschen gegenseitig Vertrauen schenken, kann ein sinnvoller Dialog beginnen. Wie bedeutsam dieses Geschenk des gegenseitigen Vertrauen-schenkens ist, wird mir heute schnell deutlich, wenn ich lese, wie stark der ökonomische Druck auf Krankenhäuser und Ärzteschaft genau diese Begegnung des Vertrauens gefährdet. Erst vor einigen Wochen hieß es in der FAZ: „Klar, im Mittelpunkt soll immer noch der Patient stehen. Aber in der Entwicklung hin zur Medizinindustrie ist das Verhältnis des Arztes zum Kranken ein anderes geworden. […] In den Kliniken geben zunehmend die kaufmännischen Direktoren vor, was an Therapie- und Diagnoseangeboten geleistet werden kann.“ (FAZ, 7.01.2013) In einer späteren Ausgabe war zu lesen: „Hilflos und ausgeliefert fühlen sich viele Patienten im Krankenhaus. Wer sagt ihnen denn, ob ihr Arzt recht hat?“ (FAS, 13.01.2013) Sprechen diese Zeilen nicht von der Gefahr eines großen Vertrauensverlustes, der zu einer unaufhaltsamen Erosion des Fundamentes der Arzt-Patient-Beziehung zu führen droht? Der Arzt als Chefökonom, der Patient als bloßer Wirtschaftsfaktor?
Wie fremd und doch herausfordernd klingen die Worte Bernhard Weltes da, wenn er von der Notwendigkeit wechselseitiger Nächstenliebe zwischen dem Arzt und seinem Patienten spricht. „Der Patient ist seinem Arzt der Nächste; und umgekehrt, was vielleicht vergessen wird: auch der Arzt für seinen Patienten.“ (S.  143) Wie soll aber das wachsende Misstrauen des Patienten gegenüber dem Arzt noch zu einer gelingenden Beziehung führen? Und wie kann ein Arzt das Vertrauen seines Patienten wieder gewinnen?
Welches Ziel möchten beide erreichen? Beide haben zum Ziel eine Krankheit zu heilen. Doch kann die Krankheit auch einmal ihre eigenen Kräfte so stark entfaltet haben, dass der Arzt machtlos ihr gegenüber bleibt. Diese Grenze darf nicht leichtfertig angenommen werden. Beide sollten ihr bestmögliches tun, um die Grenze überwinden zu können. Doch, trotz aller unbewusster Leugnung dieser Grenze, die eine Krankheit für unser alltägliches Leben bedeuten kann, gilt es für den Christen, diese Grenze zu spüren und anzuerkennen. „Wie gut ist es dann, wenn beide über diese Grenze miteinander reden können.“ (S. 144)
Nehme ich mir heute noch genügend Zeit, um die uns alle betreffende Grenze zur Sprache zu bringen, oder scheue ich mich davor? Kann es vielleicht angesichts des Todes nicht nur dem Patienten helfen, über diese endgültige Grenze sprechen und diese annehmen zu können, sondern auch dem Arzt, indem er vom Patienten nicht als Alleskönner, sondern eben als begrenzter Mensch gesehen wird?
Und für die Tage und Stunden, in denen die Grenze beginnt Wirklichkeit zu werden, wo sich das endgültige Ende nähert, da rät Bernhard Welte: In den schweren Stunden muss die Würde und Freiheit des Patienten so gut es geht geehrt und gewürdigt werden. Die Würde und die Freiheit werden dadurch gewürdigt, wenn sich beide die Nächsten bleiben, wenn die schweren Stunden von gelebter Sympathie (Mit-leid) geprägt sind. Indem der Christ das Leiden eines sterbenden Mitchristen und Mitmenschen mitträgt, solidarisiert er sich mit ihm. Er versucht dabei gerade nicht zu fliehen vor der Grenze, denn das würde nicht nur bedeuten, den Leidenden aufzugeben, sondern auch die tiefste Wahrheit des eigenen Lebens zu verleugnen: die Sterblichkeit. Freilich wusste Bernhard Welte – und wir wissen es heute wahrscheinlich genauso gut –, dass dies nicht immer in dieser gewünschten Weise geschehen kann. Doch wenn der Arzt einen Kranken so begleiten könne, „dann ist dies etwas wie ein Wunder christlicher Gemeinschaft, einer Gemeinschaft, die auch und gerade diese ehrwürdige Grenze zu bestehen vermag mit dem Blick auf das große Und […]“ (S. 146) Das große Und war für den Christen Bernhard Welte die christliche Hoffnung darauf, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Nur diese Hoffnung vermöge es, solche Situationen zu tragen. Er hat uns dazu einige Gedichtszeilen hinterlassen, von denen die letzten heißen:

Hoffung geht um
auf Menschenfüßen
und Engelsflügeln,
und etwas singt selbst in ertaubten Ohren:

Siehe ich mache alles neu!

Bernhard Weltes einfache Worte sprechen die Sprache eines erfahrungsreichen Lebens. Er wollte seine Worte nie belehrend verstanden wissen, sondern immer als Aufforderung, um selber darüber Nachzudenken und Weiterzudenken. Mir zeigen solche Gedanken, in welchen Situationen im Leben es darauf ankommt zu leben, das heißt so gut es geht, zu versuchen, ein hoffender Mitmensch zu sein. Erst von diesem Mittelpunkt aus, können dann alle anderen, weniger elementaren Dinge auch gelassen angegangen werden. Wir sind nur Menschen in der Begegnung.

JohannesLorenzDer Freiburger Diplom – Theologe Johannes Lorenz schreibt derzeit an seiner Doktorarbeit in Moraltheologie und als freier Mitarbeiter für die „Ludwigshafener Ethische Rundschau“. Sein großes Hobby ist die Musik: In seiner Band „Buttercup Sounds“ lässt er Gitarre und  Vocals erklingen, in seiner neuen Wahlheimat im Taunus kam auch wieder die Tuba dazu. Geboren ist der Beat-begeisterte Bade aber auf dem Freiburger Hausberg, den er beim Radrennen „Schauinslandkönig“ mit seinem Drahtesel erklimmt.

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