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Glaube - Leben - Popkultur

Kinder, Krieg und Kirschbäume

 

Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Es war ein Riesenerfolg: Das ZDF zeigte mit „Unsere Mütter, unsere Väter“ in der vergangenen Woche eine historische Trilogie mit Tiefgang. Über sieben Millionen Zuschauer sahen im Schnitt den Dreiteiler, der das Leben vieler Opfer und Täter und das damit verbundene Leid veranschaulichte. Nicht weniger bewegend fand Christopher Hoffmann einen Erzählabend in Remagen, bei dem Zeitzeugen ihre Erinnerungen als Heranwachsende schilderten. Notizen über die Erfahrungen von Kriegskindern in der Karwoche.

  • Er sieht ihn noch heute vor sich: Barfuß kommt er zur Tür herein. Ein fremder Mann. Geschunden, gezeichnet. Die jugendlichen Haare sind einer Glatze gewichen. Er hat Fleckfieber und einen Wasserbauch. Der Asbeststeinbruch im Ural hat seine Spuren hinterlassen. Der fremde Mann, der vor ihm, dem achtjährigen Jungen, steht – es ist sein Vater.

 

  • Er hielt es für das größte Martinsfeuer, das er je gesehen hatte. Donner hallte über das Dach. Blutrot färbte sich der Himmel. Ein spannendes Szenario für einen Sechsjährigen. Erst als das Dienstmädchen neben ihm anfängt zu weinen, beginnt er zu verstehen, was da gerade passiert ist. Noch heute hört er sie sagen: „Mein geliebtes Köln brennt.“

 

  • Sie hält das Stück Stoff schützend in ihren Händen. Eine schwarze Spitze des Hochzeitskleides ihrer Mutter. Sie hat es gerettet auf der Flucht aus Schlesien. Es erinnert an ein Leben in Würde vor der Vertreibung in den Westen. Hier im Rheinland waren sie nur noch die „Polacken“. Hier durften sie nirgendwo auffallen. Besser unterordnen, still sein. Heute Abend bricht sie ihr Schweigen.

Sie, eines von sieben Kriegskindern, die an diesem Dienstagabend von ihren Erinnerungen erzählen. Ins Pfarrheim in Remagen sind interessierte Zuhörer gekommen, die von den Zeitzeugen erfahren wollen, wie sie den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt haben. Zusammen mit Pastoralreferent Christoph Hof aus dem Dekanat Remagen-Brohltal und Mechthild Haase von der Caritas im Kreis Ahrweiler haben sie sich im vergangenen Herbst über das Erlebte in einem Gesprächskreis ausgetauscht. Nun teilen sie die dichten persönlichen Puzzleteile ihrer Biographie mit der Öffentlichkeit.

Für mich war dieser Abend sehr wertvoll und wichtig. Diese Menschen erzählen, welches Leid der von den Deutschen begonnene Krieg verursacht hat. Für Millionen von Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung. Für diejenigen, die in den Widerstand gingen. Für Unschuldige in ganz Europa, die durch das Naziregime unfassbares Leiden erlebt haben. Für eine Generation von Kindern, die im Krieg geboren wurde und deren Kindheit von Trümmern und Trauer geprägt war.
Die Geschehnisse sind grausam, aber  ich spüre an diesem Abend wieder neu: Geschehenes Leid darf nicht tabuisiert, nicht totgeschwiegen werden.Diese Zeitzeugen machen deutlich, dass die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit mehr ist als sterile Zahlen und Daten. Der Erzählabend zeigt die existentielle Dimension des Einzelnen, lässt erlebtes Leid lebendig werden. Und sensibilisiert zugleich auch heute hinzuschauen, wo Menschen in Kriegssituationen leiden. Wo Kinder unfassbares Leid erleben. Zum Teil mitverursacht durch deutsche Waffen.

Auch die Karwoche ist eine Zeit, die den Fokus auf das Leid legt. In dramatischen Szenen schildern uns die Evangelisten die Passion Jesu – er wird verraten, verurteilt, verhöhnt. Er trägt sein Kreuz und bricht unter der Last zusammen. Mit zwei Verbrechern wird er hingerichtet.
Die Autoren der Bibel hätten die Woche vom Leiden und Sterben Jesu auch ausradieren können. Sie hätten sich gegen eine Schilderung der Ereignisse, die auf dem Berg Golgotha gipfeln, entscheiden können. Aber auch die Bibel schweigt nicht vom Schmerz und der Angst des Gottessohnes. Sie gibt Zeugnis von einem Gott, dem das menschliche Leiden nicht fremd ist. Der es durchlebt – bis zum Tod am Kreuz. Leid als Realität. Eine grausame Realität, an der es nichts zu beschönigen gibt.

Doch inmitten dieses Leids bricht für uns Christen eine Hoffnung auf: Wir glauben daran, dass das Leben stärker ist als der Tod. Die Geschichte endet nicht mit dem Sterben auf der Schädelhöhe. Auf Karfreitag folgt Ostern. Und die Botschaft des Auferstandenen ist unmissverständlich: „Friede sei mit euch.“ (Lk 24,36)

Eine Frau aus Remagen erzählt uns an diesem Abend eine wie ich finde wunderbare Osterparabel.

Copyright: Andrea Flückiger_pixelio.de

Copyright: Andrea Flückiger_pixelio.de

Sie war 1945 zehn Jahre alt. Der Krieg war vorbei. Ein amerikanischer G.I. sitzt neben ihr auf einer Mauer und beide essen Kirschen  – aus einem deutschen Stahlhelm. Sie spucken die Kerne um die Wette. Sie leben. Sieger und Besiegte sitzen nebeneinander. Und die Natur lässt wieder Kirschbäume reifen.

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

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