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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Einmal täglich Selbstbefriedigung

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Feierabend. Es ist Viertel nach Sieben. Ein Sonntagmorgen. Ich sitze in meinem kleinen gelben Auto. Die Trainingshose, ein altes T-Shirt, Schlabberlook. Ich mag es. Raus aus der Uniform, raus aus den Dienstklamotten. Hinein ins Privatleben. Jetzt bin ich nur noch Jan. Ich blinke rechts, das Rolltor öffnet sich vor meiner Motorhaube. Ich fahre heim nach einer Nachtschicht.

Es war eine unruhige Nacht, mehr unterwegs als auf der Wache. Die wenigen Stunden Halbschlaf rädern mich. Es war eine unspektakuläre Nacht. Das normale Geschäft aus Krankentransport und Notfallrettung. Von unnötigen Einsatzalarmierungen wegen einem quersteckenden Furz bis hin zu lebensbedrohlichen akuten Erkrankungen wie einem Lungenödem. Es ist unser nächtliches Dienstleistungswesen im Bereich der Notfallrettung. Sie wünschen, wir spielen. Transportscheine, Versichertenkärtchen, Infusionen, Verbände.

Es war eine Nacht ohne viel persönlichen Kontakt zwischen Retter und Gerettetem. Manchmal dominierte das Gefühl, dass weder Retter noch Geretteter zu retten waren. Ein Danke habe ich diese Nacht nicht gehört. Eine neue Sachlichkeit. Ich bin erschöpft. Müde. Ich hab diese Nacht doch ordentlich geschafft.

Die Straßen sind leer. Vereinzelt begegne ich Autos. Die Welt scheint noch zu schlafen. Die Natur wirkt friedlich. Der Beat von Paul Kalkbrenner aus meinen Lautsprecher-Boxen treiben mich an, bringen mich voran. Ich freue mich auf mein Bett, ohne ausgemusterte Krankenhaus-Bettwäsche wie auf der Wache. Ausschlafen, duschen, ausgiebig frühstücken.

Der Sonntagmorgen ist besonders. Er ist gut. Denn ich spüre, dass ich in dieser Nacht etwas geschafft habe. Ich habe mich den Herausforderungen meines Berufs gestellt, habe kranken Menschen akut helfen können und bin denen gegenüber freundlich geblieben, die meine Nerven in dieser Nacht strapaziert haben. Und mein müder Körper spiegelt die Anstrengung wieder, aus deren Mitte eine tiefe Befriedigung strahlt. Das tut gut!

Gut-Menschen, Leute mit Helfer-Syndrom, Frauen und Männer in sozialen Berufen – Dankbarkeit, positives Feedback, Berufszufriedenheit sind nicht selbstverständlich. Um nicht der Resignation zu verfallen, braucht es sie: die tägliche Dosis Selbstbefriedigung. Der persönliche Blick auf die eigene Arbeit und die eigene Leistung! Sich selbst auf die Schulter klopfen. Das, was du geleistet hast, anerkennen! Damit du auch morgen wieder alles geben kannst!

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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