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Glaube - Leben - Popkultur

Unter die Haut

 

Felipe Cantillana - flickr.com

Felipe Cantillana – flickr.com

Für die zeitlos schöne Haut gibt es allerhand Cremes und Seifen. Doch, was geht wirklich unter die Haut? Vor allem, wo bleibt’s, wo geht’s hin und wird es den Teint verändern?

Wir sitzen bei einem Döner mit Blick auf den Trierer Hauptbahnhof. Auf einen der kostbaren Parkplätze rollt ein Wohnmobil. So weit nichts Spektakuläres. Doch an der Seite des fahrenden Hauses prangt dieser Spruch: „Träume nicht Dein Leben – Lebe Deinen Traum.“ Nun, keiner von uns gerät in Ekstase, wirft den Döner an die Decke und tänzelt erleuchtet über die Straße. Vielleicht weil wir mit der strömenden Soße ausgelastet sind. Vielleicht weil wir wissen, dass Triers Autofahrer ganz besonders freundlich sind. Oder weil dieses recht nette, wohl vertraute Wortspiel uns in einer unpassenden Lebenssituation antrifft.

Was aber, wenn an unserer Stelle hier ein Bürohengst säße? Der in seinem Büro mehr am Fenster steht und Züge beobachtet, als am Telefon hängt, ein Versicherungsvertreter, der beim Werbespot der Tatze mit „Draußen zu Hause“ unruhig wird, der eigentlich raus in fremde Welten will, um diese aufzusaugen, vielleicht ein Stück besser zu machen, dessen Begegnung mit exotischen Abenteuern ihn aber bis jetzt nur zum Döner um die Ecke brachte und was, wenn sein ganzes Leben auf diesen einen Moment der Initialzündung hinfieberte. Was dann?

Ich gebe es offen zu, ich mag diese alten, mit dicker, dramatischer Orchestermusik unterlegten Jesusfilme. Wie dieser 6 Stunden Schinken „Jesus of Nazareth“ von Zeffirelli anno 1977. Da gibt’s eine Szene, die nicht so ganz biblisch ist, aber so gewesen sein könnte. Jesus ist bei Petrus zu Gast. Predigt und heilt. (Lk 5,17) Als plötzlich der Zöllner Zachäus die Szene betritt. Petrus ist außer sich. Kaum noch zu halten, denn er verabscheut den Zöllner. Doch good old Jesus fragt Zachäus lässig, wo dieser den wohne. Nicht weit also, okay, bis heute Abend. WAS? Petrus dreht ab.

Nächste Szene. Jesus sitzt beim Zöllner im Wohnzimmer. Es wird gefeiert. Zachäus hat ordentlich aufgefahren. Jesu Jünger, auch Petrus, stehen an der Tür, wollen und können dieses sündige Haus nicht betreten. Da erzählt Jesus eine Geschichte. Um was geht’s? Das Gleichnis handelt von dem verlorenen Sohn. Ihr wisst doch: Zwei Söhne. Der eine lässt sich sein Erbe ausbezahlen und zieht in die weite Welt. Verprasst dort alles munter, bis er in der Gosse landet. Rappelt sich auf, kehrt zu seinem Vater zurück, um dort als Diener zu arbeiten. Sein Vater aber, freut sich so sehr, dass er ein großes Fest mit den teuersten Kostbarkeiten veranstaltet, um die Rückkehr des verlorenen Sohnes zu feiern. Alle sind euphorisch. Das ganze Haus strahlt. Bis auf den zweiten Sohn, der sich bitterlich beklagt. Immer war er an seines Vaters Seite, immer zu Diensten, doch ein solches Fest? Fehlanzeige.

Im Film dämmert es Petrus und Zachäus, wen der große Meister der Lebenserzählkunst mit den zwei Söhnen gemeint haben könnte. Und dann lässt der Regisseur Petrus über die Türschwelle treten, sich auf den Feind zu bewegen…

Entweder ganz oder ab 2:05:24. Im Original. Kein Kitsch.

Ob Bürohengst oder Petrus, beide hören Worte, wie für sie gemacht. Worte, die unter die Haut gehen. Und die dort bleiben. Ein Leben lang, bis sich etwas regt. Durchbricht. Und das, was wird, wird Überwindung kosten und nicht vom Himmel fallen, aber von dort begleitet werden.

 

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