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Glaube - Leben - Popkultur

Wir wollen die Welt zum Tanzen bringen

Price_tag_enlightenmentEs gibt diese Leute, die alles Rationalisieren und Ökonomisieren wollen. Ihnen schmettert Jessie J noch immer fröhlich “Price tag” entgegen. Ein Lied, dass Menschen lieber zum Tanzen als zum Rechnen bringen will. Ein Lied für alle, die den Sommer nicht erwarten können…

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist,“ hat Victor Hugo einmal gesagt. Da kann ich eigentlich nur zustimmen. Für mich ist das ein Grund, diese Kolumne zu schreiben. Musik kann so Vieles ausdrücken, wozu ein Text, den man liest, nur begrenzt in der Lage ist. Allein schon deshalb, weil Musik den Hörsinn, und wenn man sie richtig laut dreht, auch den Tastsinn anspricht. Man könnte darüber ins Schwelgen und Philosophieren geraten. Wer jetzt in Gedanken schon „Music (was my first love)“ von John Miles anstimmt, den muss ich nun auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Musik ist nämlich vor allem auch eins: Ein Geschäft. Allein im ersten Halbjahr 2012 wurden mit dem Verkauf von Musik in Deutschland 622 Millionen Euro umgesetzt. Musik als Ausdruck der eigenen Innenwelt – das ist angesichts solcher Zahlen offenbar eher was für Romantiker, Gitarrenspieler in Fußgängerzonen, Garagen-Rockbands und Untergrund-Rapstars. Aber diesen Traum, Musik einfach zu machen, weil es einem Spaß macht, oder weil man damit Leute unterhalten kann, Musik als Passion – dieser Traum ist trotz aller Durchdringung durch die Industrie immer noch erstaunlich lebendig. Man kann ihn ab und an noch im Radio hören, und zwar dann, wenn „Price Tag“ von Jessie J läuft.

„Es geht nicht um das Geld. Es geht darum, die Welt tanzen zu lassen“. Ein schöner Gedanke, den sie da aufbringt. Nun steckt eine gewisse Ironie darin, dass „Price Tag“ in mehreren Ländern die Top 10 der Charts erreicht hat. Das Lied dürfte also einige hunderttausendmal verkauft worden sein. Ist das also alles nicht so ernst gemeint, was sie da singt?

Vermutlich meint sie es doch ernst. Glaubt man den Erzählungen von Musikern, gibt es immer wieder Leute, die einem bei der Produktion von Musik hereinreden wollen, die das Ganze eines Albums oder eines Stücks optimieren wollen, damit es sich auch gut verkauft. Vielleicht muss man das nur ein bisschen glätten, die Gitarren nach hinten mischen, vielleicht die kleinen Anstößigkeiten im Text entfernen. Und schon hört sich alles so glatt an, wie die neuen Lieder von Bon Jovi. Die tun keinem weh, verkaufen sich dafür aber gut. Für Musiker mit Anspruch ist das eine Art Pakt mit dem Teufel. Hört man zu viel auf solche Optimierer, die vielleicht nicht nur das Beste im Sinn haben, verkauft man vielleicht irgendwann nicht mehr nur Platten und Downloads, sondern seine Ideale – oder gar seine Seele. Dagegen stemmt sich Jessie J in ihrem Song. Sie will nicht, dass der Gedanke an Geld sie beherrscht und singt den Weichspüler-Produzenten und vielleicht auch ihren Musiker-Kollegen „It’s like this man, you can’t put a price on life“ entgegen.
Letztlich geht es ihr damit um Freiheit, nicht alles im Leben nach Gewinn und Berechnung des eigenen Vorteils zu gestalten. Sie will nicht zulassen, dass ökonomische Logik für sie alles durchdringt und ihr Leben beherrscht.
KreuzWortFeuer-sidebarWas Jessie J besingt und beklagt, ist vielleicht eines der wichtigsten Probleme unserer Zeit. Wir denken zu viel in den Bahnen von Geld und Profit. Dabei wird man nicht nur von anderen dazu gebracht so zu denken. Man hat man dieses Denken vielleicht schon längst selbst übernommen. Wer will, kann sich gerne selbst prüfen. Ich tue das ab und an – und immer wieder bemerke ich, dass ich mich selbst ermahne, wenn ich in meiner Freizeit mal „nichts“ mache und faulenze. Ich könnte doch etwas Produktives machen. Das einfache Faulenzen – und entspannen – fällt mir immer schwerer. Als würde ein Aufseher hinter mir stehen, der kontrolliert, ob ich auch arbeite. Ich habe mich auch schon dabei erwischt, Sachen, die ich neben dem Studium gemacht habe, vor allem damit zu begründen, dass das später in meinem Lebenslauf toll aussieht, wenn ich mich in nicht allzu ferner Zukunft auf einen Job bewerben will. Die Begründung war weniger: „Hey, das macht Spaß, das ist eine gute Sache, das würde ich gerne machen.“ Auch wenn sich Beides nicht unbedingt widersprochen hat. Und so optimiere ich verbissen an mir rum, nur um den Ansprüchen meiner (ökonomischen) Umwelt zu genügen, die meine eigenen Prioritäten in dem Schatten zu stellen drohen. Aber will ich mich wirklich jedem Diktat beugen, das man erfüllen muss, einen Job zu bekommen, das über die Jugend verhängt wird und bei jeder kleinen Sache, die ich tue, fragen, was mir das eigentlich „bringt“? Lieber nicht.
Die Falle der übernommenen Selbstoptimierung zieht sich aber dennoch oft genug ganz unauffällig zu. Was also tun? Einen praktischen Rat bietet der 1. Johannesbrief (1. Joh 4,1): „…traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen.“ Vielleicht hilft es, sich dem Inhalt dieses Satzes einmal bewusst zu werden, sich zurückzulehnen und die Dinge, die so vor einem liegen, einmal zu betrachten. Ich habe mir das vorgenommen. Und sollte ich merken, dass der „Geist“, dem ich da gefolgt bin, gründlich falsch liegt? Dass er mich nicht frei macht, sondern zum Sklaven? Dann sage ich diesem “Geist” vielleicht auch: „It’s like this man, you can’t put a price on life“ und besinne mich auf die Freiheit, mich für das Gute im Leben zu entscheiden und nicht für das, was man bloß für das Gute hält. Das ist eine Freiheit, die ich nicht kaufen kann. Sie ist mir als Mensch von Gott geschenkt. Und ich will sie mir bewahren.

 

Tobias WeyandTobias Weyand studiert Theologie in Trier und ist Musikfan ohne Genre-Grenzen. Auf seinem MP3-Player bringt er deswegen gerne auch mal Metallica, Blumentopf und die Wise Guys in derselben Liste unter. Er ist immer auf der Suche nach inspirierenden Texten und Melodien, sowie nach Filmen und Büchern.

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