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Glaube - Leben - Popkultur

Zwei Geburtstage und ein Todesfall

Will Clayton / flickr.com (CC BY 2.0)

Will Clayton / flickr.com (CC BY 2.0)

Zwei ungewöhnliche Geburtstagsfeiern habe ich letztes Wochenende besucht. Die Jugendkirche kafarna:um wurde sechs Jahre alt, der ökumenische Jugendchor Cantata wurde vor dreißig Jahren gegründet. Ein Rückblick auf zwei Kirchengeburtstage.

Die Cantata wollte eigentlich keine Gemeinde sein. Und schon gar keine Kirche. Zumindest nannte sie sich nicht so. Sie war eben ein Jugendchor. Anfangs innerhalb einer Schulgemeinde, später in einer katholischen Pfarrei, noch später – als ökumenischer Jugendchor – im Grunde gleichzeitig auch in der evangelischen Gemeinde. Und dennoch war Cantata für viele junge Leute über die Jahre der Ort, an dem Kirche für sie relevant wurde. Wir machten Musik in Gottesdiensten, auf Kirchentagen, in U-Bahn-Waggons und auf Traktoranhängern. Wir fuhren zu Besinnungswochenende in ein spartanisches Kloster und grillten an Pfingsten selbst bei strömendem Regen. Manche waren auch noch in einer anderen Gemeinde aktiv, viele hatten sonst mit Kirche nichts zu tun. Heute würde man sowas eine “fresh expression of Church” nennen und in traditioneller Theologensprache eine “ekklesiola”, eine kleine Kirche an einem konkreten Ort, die Teil der ganz großen Kirche ist.
Dreißig Jahre nach der Gründung der Cantata kamen am Wochenende viele noch einmal zusammen, um alte Freunde wieder zu treffen und gemeinsam zu singen. Sie waren zu ganz unterschiedlichen Zeiten im Chor aktiv. Heute sind sie zwischen Mitte 20 und 50. Viele haben ihre Kinder mit dabei. Manche leben noch oder wieder dort, wo alles anfing. Manche sind extra für diesen Tag angereist.

Bereit für den Flashback?

Als wir die Tür der Jugendherberge öffnen, klingt uns ein alter Gassenhauer von früher entgegen, den man normalerweise nur mit viel Bier erträgt. Wir schauen uns an. Vertragen wir diesen Flashback? Steht uns ein Wochenende voller nostalgischer “Mensch, war das ne tolle Zeit damals”-Rückblicke bevor? Zögerlich wagen wir uns hinein. Seltsam der erste Abend. Viele vertraute Gesichter und doch weiß ich nicht so richtig, worüber ich reden soll. Unser Leben hat sich weiterbewegt. Das der anderen auch. Gibt’s noch etwas Belastbares, etwas Verbindendes außer der Erinnerung an früher?
Der nächste Tag wird besser. Wir proben, wir singen. Da ist es wieder, was uns damals zusammengebracht hat. Es funktioniert noch. Man kann es auftauen. Und trotzdem ist es anders: Thomas konnte nicht mehr mitfahren. Vor ein paar Wochen ist er plötzlich gestorben. Er hat die Cantata gegründet, vor 30 Jahren, hatte irgendeine Idee, was Neues zu machen, eine Vision, vielleicht auch nur eine leise Ahnung wie es werden könnte. Weil einer den Mut hatte, was zu starten, hatten wir das Glück, so viel miteinander zu erleben. Mitternachtsmetten in der kalten Klosterkirche, durchfeierte und durchredete Nächte, Isomatten in Kirchentagsmessehallen. Karfreitage und Ostersonntage. Moni sagt, Thomas sitzt oben auf der Empore, hört zu und lässt die Beine baumeln. Wir verstehen gut, was sie meint.

Stimmen und Instrumente im Dutzend

Abends besuche ich einen anderen Kirchengeburtstag. Die wundervolle Jugendkirche kafarna:um wird heute sechs Jahre alt. Einschulungsgeburtstag sozusagen. Dementsprechend wuselt alles durcheinander. Die Wohnküche ist voll. Es gibt Kuchen, großartige Cake Pops und bergeweise Nudelsalat. Dazwischen werden Pläne fürs Maibaumstellen und die nächste Taizéfahrt gemacht. Und auch hier: Musik. Die Zahl der verschiedenen Instrumente in der Jugendkirche erreicht locker zwei Dutzend. Wegen der besseren Akustik stehen ein paar Leute im Treppenhaus, um mal eben vier-, acht-, zwölfstimmig zu singen. Und dann ist da noch dieses wundervolle Video, indem sie erzählen, warum ihnen “ihre Kirche” kafarna:um so wichtig ist. Eine Liebeserklärung in knapp sieben Minuten mit frechen und mit nachdenklichen  Sätzen. Ob sie sich zum 30. Geburtstag von kafarna:um auch wieder treffen werden und auf diese Zeit zurückschauen? Ob es für sie auch komisch sein wird, sich so nach vielen Jahren wieder zu treffen? Und ob sie dann doch wieder etwas finden, was sie verbindet, obwohl manche von ihnen jetzt Kinder, andere noch immer nicht den richtigen Job gefunden haben. Und obwohl einer nicht mehr mitfeiern kann?

Meine Kirche ist hier

Das Schöne ist: Sechsjährige müssen sich über sowas keine Gedanken machen. Sie können spielen, bis sie müde werden, ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Niemand verlangt von ihnen, dass sie sich über die Zukunft Gedanken machen. Das ist ihre Stärke und ihr Glück. Manche Bedenkenträger stören sich daran, dass kafarna:um mit den Wörtern Gemeinde und Kirche offensiver umgeht, als die Cantata das damals tat. Vielleicht weil man meint, dass jede Form von Kirche immer gleich bis zum jüngsten Tag halten muss. Gott sei Dank ist das nicht so. Kirche kann immer wieder neu entstehen. In bestimmten Lebenssituationen so – und in anderen wieder anders. Für Sechsjährige und für Dreißigjährige. Sie kann da entstehen, wo du bist: “Meine Kirche ist hier”.

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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