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Glaube - Leben - Popkultur

Budapester Beobachtungen

Im Hof

Im Hof der Budapester Synagoge erinnern Grabsteine und Tafeln an jüdische Bürger, die im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden.

  MANNA-Redakteur Christopher Hoffmann war im April in der ungarischen Kapitale unterwegs. Eine wunderschöne Stadt, die kulturell und kulinarisch viel zu bieten  hat.  Neben der Begeisterung für Budapest beschäftigte ihn jedoch auch das derzeitige Wiedererstarken antisemitischer und rechtsextremer Parolen an der Donaumetropole. Sein Plädoyer:  Ob in Ungarn oder im Untergrund –  wehret den Anfängen!
„Wir haben Istanbul, Wien und … auch… Budapest als Ziele aufgeschrieben!“ Meine Freunde aus Freiburg haben ihr Votum in unserer improvisierten Telefonkonferenz abgegeben. Damit ist es amtlich: Jeder von uns hat Budapest als einen von drei Top-Favoriten für einen Städtetrip in Europa notiert. Und damit steht fest: Der nächste gemeinsame Urlaub geht nach Ungarn.
Die Vorfreude ist groß und die Wochen gehen ins Land. Drei Monate später sitzen wir schließlich im Flieger. Aber so richtig weiß ich gar nicht, wo ich da dieses Mal lande. Ungarn, das ist für mich noch eine  große Unbekannte im Osten Europas. Nachdem die Stewardess ihren Wagen mit Softdrinks an mir vorbeigeschoben hat, nehme ich deshalb einen Artikel  aus meinem Rucksack. Den hatte ich mir am Abend vorher schnell noch ausgedruckt – zur aktuellen politischen Lage im Land.
Da wird es mir beim Lesen mulmig in der Magengegend: Jeder dritte Student in Ungarn würde bei den nächsten Wahlen für „Jobbik“ stimmen. Diese rechtsradikale Partei, derzeit die Drittstärkste im Parlament,  macht aus ihrem antisemitischem Ansinnen keinen Hehl: Einige ihrer Abgeordneten fordern, jüdische Mitbürger in Listen zu erfassen. Judenfeindliche Aufkleber werden an Türen jüdischer Professoren  angebracht. Der mit Hitler lange Zeit verbündete Reichsverweser Miklos Horthy wird in ihrer rechten Retrospektive verklärt. Horthy hatte mit Hitler eine unheilige Allianz gebildet und antijüdische Rassengesetze erlassen. Vor allem seine politischen Nachfolger, insbesondere Innenstaatssekretär Laszlo Endre, sowie Adolf Eichmann und zahlreiche Nazi-Schergen auf deutscher wie ungarischer Seite sorgten anschließend dafür, dass insgesamt 564 000 der jüdischen Ungarn noch im letzten Kriegsjahr nach Auschwitz transportiert oder in Ungarn umgebracht wurden. Wollen viele Magyaren im Jahr 2013 davon nichts mehr wissen?

Die Große Synagoge in der Dohány utca wurde im maurischen Stil für die Pester Juden errichtet und ist die größte Europas.

Die Große Synagoge in der Dohány utca wurde im maurischen Stil für die Pester Juden errichtet und ist die größte Europas.

Diese Nachrichten aus Ungarn sind für mich unfassbar: Denn fünf Tage zuvor war ich mit einer Zeitzeugin in einer neunten Klasse. Sie hatte berichtet, wie sie als 15-jährige Schlesierin nach dem Zweiten Weltkrieg in Ausschwitz gezwungen wurde, jene Gegenstände zu sortieren, die die Nationalsozialisten Juden in ganz Europa unmittelbar vor der Ermordung in der Gaskammer weggenommen haben. Auch viele ungarische Koffer musste sie öffnen. Während sie erzählt, schießen der über 80-jährigen noch heute Tränen in die Augen.  Nun etwa eine Renaissance von rechtsradikalem Gedankengut in einem Land, in dem jüdische Bürgerinnen und Bürger schon so viel Leid erfahren haben?
Wir beschließen während unseres Aufenthalts in Budapest auch die Synagoge zu besuchen. Es ist das größte jüdische Gotteshaus in Europa. Und es ist für mich das erste Mal, dass ich eine Synagoge von innen sehe. Als Christ ist dies für mich mehr als touristisches Terrain. Mehr als eine historische Halle. Als ich den großen Innenraum mit einer Kippa auf dem Kopf betrete, fühle ich mich geborgen. Der Besuch in der Synagoge wird für mich zu einer spirituellen Spurensuche zu den Wurzeln meines eigenen Glaubens. Der Gott „Abrahams, Isaaks und Jakobs“, es ist der Gott, den ich auch als Christ bekenne. Das wusste ich bereits vorher. Doch jetzt spüre ich es. Während ich im Betraum sitze, kommt mir Psalm 23 in den Sinn: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Wie viele Juden mögen diese Zeilen  – in Zeiten der Ungewissheit und der Angst – hier zu ihrem Gott gestammelt haben?

Schuhe aus Bronze: Sie erinnern an Juden aus Budapest, die hier während des Zweiten Weltkriegs erschossen wurden.

Schuhe aus Bronze: Sie erinnern an Juden aus Budapest, die hier während des Zweiten Weltkriegs erschossen wurden und stehen unweit des ungarischen Parlamentsgebäudes, in dem “Jobbik” als drittstärkste Partei vertreten ist.

Am Nachmittag gehen wir von Buda aus über die Kettenbrücke. Unter uns die strahlend blaue Donau, auf der sich die lang ersehnte Frühlingssonne spiegelt. In Pest angekommen biegen wir links ab. In der Nähe des Parlamentsgebäudes, in dem die antisemitische Jobbik-Partei derzeit 12 % der Abgeordneten stellt, sind große und kleine Schuhe aus Bronze aufgestellt. Sie erinnern an die jüdischen Menschen, die hier öffentlich von Rechtsextremen erschossen wurden und in die Donau stürzten. Im Jahr 2009 haben Unbekannte die Schuhe mit Schweinefüßen gefüllt.  Im vergangenen Jahr wiederholte sich diese perverse Schweinerei an einer weiteren Gedenkstätte für die jüdischen Opfer Budapests. Diese bronzenen Schuhe, sie sind ein Mahnmal dafür, dass die Menschenwürde – egal welcher Minderheit jemand angehört – nicht mit Füßen getreten werden darf. Nicht in Ungarn, wo am vergangenen Samstag im Budapester Zentrum Rechtsextreme gegen den Jüdischen Weltkongress Parolen wie „Juden raus“ oder „Ungarn gehört uns“ brüllten.  Und ebenso nicht in Deutschland, wo am vergangenen Montag ein Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund begann, eine rechtsextreme Terrorzelle, die niemals mehr wuchern darf. Ich finde: Über beides können gar nicht genug Zeitungen berichten.

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

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