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Glaube - Leben - Popkultur

Feuermacher und Wasserkocher

Bildrechte: dan_fuh / flickr.com (CC BY-SA 2.0)

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Als die Welt noch viel weniger kompliziert war als heute, vor etwa anderthalb Millionen Jahren, da war ziemlich klar, wer die coolen Jungs sind hat. Für Jäger und Sammler war jeder technologische Fortschritt überlebensrelevant und ein besonders relevanter war das Feuer. Irgendjemand muss sich wohl getraut haben, einen durch Blitzeinschlag in Brand gesteckten Ast als Fackel zu benutzen. Irgendwer kam auf die Idee sich damit gegen Tiere zu verteidigen und der Genialste von allen erfand das Grillen, womit man Nahrung nicht nur lecker, sondern auch länger haltbar machen konnte. Diese Feuermacher waren die Helden dieser noch jungen Welt.

Natürlich gab es damals nicht nur die Feuermacher, sondern auch die Wasserkocher, die nicht so mutig waren, sondern lieber erstmal abwarteten, ob das mit dem Feuer nicht doch schief geht. Sie sprangen erst später auf den Zug auf und wurden trotzdem oft zu talentierten Köchen – aber eben nicht mehr zu Feuermachern.

Heute, wo alles ein bisschen schneller, ausdifferenzierter und insgesamt unübersichtlicher geworden ist, sind alle in den meisten Fällen Wasserkocher. Wir fahren Autos ohne so ganz genau zu wissen, wie sie funktionieren. Wir lernen, ohne genau zu verstehen, wie unser Hirn das macht. Und wir hängen dauernd in „diesem Internet“ rum, aber ernsthaft: Wer behält dort den Überblick? Weil aber alles so spezialisiert geworden ist, bietet das ungeahnte Möglichkeiten, die unsere Vorfahren vor anderthalb Millionen Jahren nicht hatten: Jeder kann eine Nische finden, in der er zum Feuermacher werden kann. Den ganz großen Wurf, wie damals, als der brennende Ast zum ersten Mal von jemandem in die Hand genommen wurde, den macht heute sowieso keiner mehr allein, sondern höchstens im Team.

Aber wie findet man raus, was für Feuer man in seinem Leben machen will? Wofür bringe ich genügend Neugier, Energie und Talent auf, um damit nicht nur meinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern mein Tagesgeschäft auch noch als sinnvoll zu empfinden. Dass solche Berufsentscheidungen nicht immer fürs ganze Leben gelten müssen, habe ich heute von Paul gelernt. Der war über 20 Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit für verschiedene große Organisationen tätig. Jetzt hat er seinen Job gekündigt. Er weiß noch nicht genau, was er in 6 Wochen machen wird, aber er hat schon mal angefangen, als Praktikant(!) in einer Einrichtung mit Demenzkranken zu arbeiten. Vielleicht will er ein Seniorenheim übernehmen, vielleicht gründet er auch ein Neues. Angst vorm Scheitern hat er nicht, sagt er mir, der ihn mit offenem Mund anstarrt. Er habe genug Gottvertrauen, dass es gut wird. Wahrscheinlich wollte er einfach nicht mehr Wasser kochen, sondern endlich (wieder) Feuer machen. Damit wäre er in illustrer Gesellschaft der Leute, die damals an Pfingsten erlebten, dass man inneres Feuer braucht, wenn seine Angst überwinden will. Feuermacher sind „burning people“. Man muss sich dazu nicht selber anzünden, das übernimmt schon jemand anders. Viel wichtiger ist die Antwort auf die Frage: Wofür brennst du?

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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