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Time Out: Väter und Söhne

TimeOut-sidebarKräftige, muskulöse Unterschenkel, über die sich bunte Tattoos wie eine verschlingelte Bildergalerie entfalten. Die breiten ausgetretenen Skaterschuhe sehen bequem aus. Und als Besitzer einer etwas tiefer hängenden schwarzen kurzen Baggy-Hose scheint er sich über den Frühling zu freuen. Ein weiter dunkles T-Shirt wirft Falten über das breite Kreuz, das nach oben hin in einen starren Nacken übergeht, der ausläuft in der kahl geschorenen Glatze seines Kopfes.
Unrasiert ist er, der Kinnbart steht schon länger. Markante Gesichtszüge. Ein Mann wie ein Bär, würde man vielleicht sagen. Mit seinen Anfang 30.

Was er wohl macht, ob er arbeitet? HipHoper oder Nazi? Schlau werde ich nicht aus ihm. Meine Gedanken würden ihn sicher in ein Szenario mit lauter Musik, Bierdosen und abhängenden Saufkumpanen setzen, die Töne der aufdringlichen und männlich anmutenden Rülpser würden nachklingen. Jubelklänge ertönen. Das Bild vom asozialen Proll scheint bestätigt. Mein eigener Klischee-Verwalter im Kopf klatscht sich selbst Applaus.

Statt Bier fließen Tränen, bitterliche Tränen, über die markanten Wangen und verlieren sich im Stoppelbart. Er kniet neben der Couch, er ist leise, während der Rest der Familie durch die Wohnung wuselt. Den Boden säumen unser Notfallrucksack, die Beatmungsplatte, Absaugpumpe und Defibrillator. Und der Notfallkoffer Kind. Es geht um seinen Sohn.

Für den kleinen Fratz ist die Aufregung im Haus nicht nachvollziehbar und quiekt fröhlich meiner Kollegin entgegen, die seine Lunge abhört. Ein schwerer Hustenanfall hatten bei ihm nicht nur Atemnot, sondern vor allem Panik ausgelöst. Und das Panikfieber steckte die Familie an. Einen solchen Husten hat er schon öfters gehabt, aber nicht in diesem Ausmaß. Es geht ihm wieder gut, auch wenn unterhalb der großen runden und neugierigen Augen immer wieder ein kleiner Huster aus dem plappernden Mund entfleucht.

Der große starke Papa, ein hilfloses Geschöpf, das hofft und bangt, überfordert mit der Situation und eingeholt von seiner wohl größten Angst, seinem kleinen Superhelden könne etwas geschehen. Jede Träne, eine Liebeserklärung, die rührt, die meine Vorstellungen durchkreuzen. Die Bierdosen müssen weichen in meiner Vorstellung. Für den kleinen Racker, der sich als Mittelpunkt der illustren Runde aus Notarzt, Rettungsdienstpersonal und der krummbuckligen Verwandschaft wohl zu fühlen scheint, geht es für eine Nacht in die Klinik. Die Mutter begleitet ihn, der Vater passt zu Hause auf die große Schwester auf. Ein gestandener Mann, der in dieser Nacht kein Auge zu tun wird, während sein Sohnemann wieder tief träumend und neugierig auf morgen träumen wird.

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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