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Before I die I want to…

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Als ich noch klein war, wechselte ich meine Zukunftswünsche fast so häufig wie die Unterwäsche. Ständig war ein anderer Beruf Ziel meiner Grundschulkindträume, wobei “Fußballprofi” zu den häufig wiederkehrenden Favoriten gehörte. Träume ändern sich, ich bin Seelsorger geworden, was in der dritten Klasse definitiv noch nicht auf der Agenda stand und ich bin nicht so verrückt zu glauben, dass ich in zwanzig Jahren immer noch das gleiche vom Leben erhoffe wie jetzt. Und gerade weil Träume sich ändern, hat Candy Chang mich so schnell für ihre Idee gewonnen. An einem heruntergekommenen Haus in ihrer Nachbarschaft errichtete sie die erste “Before I die”-Wand, die wir nun auch in Aachen nachgebaut haben. Eine Dauerbaustelle mitten in der Stadt war der Ausgansgpunkt, die Ecke, wo keiner sich gern aufhält, weil Bauzäune und Wellblech-Optik so gar nicht dazu einladen. Ein paar Spanplatten, Tafellack und Sprühdosen später ist aus diesem Ort ein riesiges Tagebuch geworden. Menschen schreiben mit Kreide ihre geheimsten Wünsche in aller Öffentlichkeit auf. Manche bleiben stehen und lesen nur, andere überlegen gemeinsam, womit sie die Lücke im Satz “Bevor ich sterbe möchte ich _________” füllen wollen. Die Wünsche sind ganz verschieden. Viele wollen “die ganze Welt bereisen”, andere “ein Buch schreiben” oder “in einem pinken Schloss leben”.

“Dieser vernachlässigte Ort wurde zu einem sinnvollen Ort und die Hoffnungen und Träume von Menschen brachten mich zum Lachen, zum Weinen und trösteten mich in harten Zeiten”, sagt Candy Chang auf einer TED-Konferenz. Warum aber werden harmlose Passanten beim volkswirtschaftlich relevanten Shopping mit diesem unbequemen Satz konfrontiert? Für höhere Ziele oder einen tieferen Sinn ist doch eigentlich kein Platz in der “marktkonformen Demokratie”. Und so schreiben denn auch manche Leute auf die Wand, sie wollten einfach “leben”. Die allermeisten wünschen sich auf unserer Wand jedoch glückliche Beziehungen zu ihren Partnern, ihren Eltern, ihren Kindern. Mein persönlicher Lieblingssatz war einer der ersten, der auf die Wall geschrieben wurde. Eine junge Frau kritzelte: “Bevor ich sterbe möchte ich eine liebe, tolle Oma werden”.

“Zwei der wertvollsten Dinge, die wir haben, sind Zeit und unsere Beziehungen zu anderen Menschen. In unseren Zeiten wachsender Ablenkung ist es wichtig, daran zu denken, dass das Leben kurz und zerbrechlich ist. Der Tod ist etwas, woran wir nicht oft denken, aber ich habe erkannt, dass die Vorbereitung auf den Tod, eine der Sachen ist, die uns am meisten stärkt. Der Gedanke an den Tod verdeutlicht uns das Leben.” Ich weiß nicht, ob Candy die Bibel liest, aber für mich klingt das extrem nach Psalm 90, Vers 12: “Mach uns bewusst, wie kurz unser Leben ist, damit wir ein weises Herz erlangen”.

Es wäre großartig, wenn immer mehr vernachlässigte Orte zu sinnvollen Orten werden – und mehr vernachlässigte Menschen zu Sinnstiftern werden.

 

Einige Eindrücke von der Aachener “Before I die”-Wand gibt es hier.

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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