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Glaube - Leben - Popkultur

Drahtseilakt

alltagskunst / flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

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Manchmal habe ich das dringende Bedürfnis aus meiner Stadt wegzukommen. Weg von der Arbeit, weg von den Dingen, mit denen ich täglich beschäftigt bin, einfach nur raus. Es kann sein, dass es mir genügt ein Wochenende wegzufahren und Freunde in einer anderen Stadt zu besuchen. Manchmal wünsche ich mich aber auch weit weg, über den Atlantik nach Amerika, oder wenigstens aus Deutschland raus. Irgendwo an die Küste, sei es in Frankreich, Italien, oder England. Wenn ich es dann schaffe wegzukommen, packt mich das Reisefieber und die Probleme bleiben dort, von wo ich wegfahre.

Aber wenn ich lange genug weg bin, packt mich wieder das Heimweh. Dann will ich zurück dahin, wo ich alles kenne, wo alles in gewohnten Bahnen verläuft und es nur wenige Überraschungen gibt. Dauert es lange, bis ich zurückkomme, kann es sein, dass ich damit hadere, dass ich so lange unterwegs bin. Dann kann ich es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und bin ich wieder zurück, bin ich richtig zufrieden. Wo ist mein Reisefieber hin?

Die Lust zu Reisen und Heimweh sind Widersprüche, die zusammengehören. Wenn man einmal länger darüber nachdenkt, scheint das ganze Leben aus Gegensätzen zu bestehen, die paradox miteinander verbunden sind. Das Eine scheint es ohne das Andere nicht zu geben, oder zumindest kann man das Eine ohne das Andere nicht richtig verstehen.

In „Let her go“ von Passenger gibt es einige dieser Beispiele. Man vermisst die Sonne nur, wenn es zu regnen oder zu schneien anfängt („Only miss the sun when it starts to snow“); man weiß nur, wie man sich gut fühlt, wenn man weiß wie es ist sich schlecht zu fühlen. „Only know you’ve been high when you’re feeling low“)

Das Hauptthema des Liedes ist jedoch eine zerbrochene Beziehung. „You only know you love her, when you let her go“. Vermutlich geht es vielen Menschen so, dass sie erst zu schätzen wussten, was sie an ihrem Gegenüber hatten, als die Beziehung zu Ende und der Partner weg war. Dann zeigt das Alleinesein ganz deutlich, was ihnen der andere eigentlich bedeutet hat. Aber auch in intakten Beziehungen merkt man oft erst so richtig, was einem fehlt, wenn der oder die Liebste einmal einige Wochen nicht da ist.

In der chinesischen Philosophie nennt man das, was hier beschrieben ist, Yin und Yang. Zwei Kräfte, oder zwei Prinzipien, die einander entgegengesetzt, aber doch aufeinander bezogen sind. Dieses Yin und Yang gibt es noch in einem weiteren, wichtigen Bereich des Lebens:

In der Spannung zwischen Glauben und Zweifeln, zwischen denen man hin- und herschwankt.

Diese Einsicht hat mir lange gefehlt. Ich dachte immer, wenn man sich als gläubig bezeichnet, dann müsste man über alle Zweifel erhaben sein, sodass der Glaube eher so etwas wie eine feste Gewissheit wäre. Wenn ich dann Zweifel hatte, fühlte ich mich irgendwie schlecht. Vielleicht war es die Ungewissheit; vielleicht aber auch der Gedanke, einem gewissen Anspruch an den Glauben nicht gerecht werden zu können. Der Zweifel und die Gedanken, die er mit sich bringt, konnte mir manchmal richtig zusetzen. Und darüber reden? Wer weiß, ob mich jemand verstehen würde.

Es gab und gibt bei mir aber auch die andere Seite. Das sind Phasen, in denen ich mir im Glauben sehr sicher bin. Dann habe ich Vertrauen in all das, was ich über Gott und Jesus gehört habe und aus der Bibel weiß. Ich vertraue darauf, dass mein Glaube wahr ist. Beide Situationen verstehe ich für mich selbst aus der jeweils anderen heraus. Nach langer Zeit bin ich irgendwann zu der Einsicht gekommen, dass Zweifel zum Glauben dazugehören.

Liest man in der Bibel, findet man sich als Teilzeit-Zweifler dort gut aufgehoben. Das Matthäus-Evangelium berichtet im Schlusskapitel, dass die Jünger noch zweifeln, obwohl der auferstandene Jesus doch vor ihnen steht (Mt 28,16-20). Das Johannes-Evangelium erzählt vom Apostel Thomas, der erst glauben konnte, dass Jesus vor ihm steht, als er seine Wundmale berührte (Joh 20,24-29). Beide Geschichten gehen gut aus. Die Jünger im Matthäus-Evangelium bekommen ein Versprechen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ und der Apostel Thomas findet wieder zu seinem Glauben.

Der Glaube ist – zu Zeiten der Bibel, ebenso wie heute – immer ein Sprung über den eigenen Zweifel hinaus. Es ist ein Sprung, den man aber wagen darf. Denn zum Gedanken „vielleicht ist es nicht wahr“ gehört auch der Gedanke, der der Zweifel des Ungläubigen und die Hoffnung des Gläubigen ist: „Vielleicht ist es wahr.“

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