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Glaube - Leben - Popkultur

Ein Solo für die Seele

strichcode  / pixelio.de

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Ich laufe durch die Fußgängerzone. Es ist heiß, obwohl der Kalender den Sommer 2013 schreibt. Die Straßen sind voll, die Straßenbahnen noch voller. “Da pass ich nicht mehr rein”, denk ich mir, als meine Linie angerollt kommt. Keine Chance!
Dann muss ich den Weg eben zu Fuß antreten. Der Rucksack drückt auf den Schultern, die Sonne blendet. Dann geht im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr: ein Stau mitten in der Fußgängerzone – Menschen drücken sich Meter für Meter nach vorne. Meine Nase immerhin funktioniert noch gut: Zahlreiche Düfte erfüllen die Lüfte!
Ich finde einen schmalen Pfad, schiebe mich an der Menge vorbei. Von der Seite werde ich nun zugenebelt mit weißem Rauch. Nicht aus dem Vatikan, sondern aus der Pommesbude gleich um die Ecke. Heißes Frittierfett an einem heißen Sommertag.  Ich brauche Luft, frische Luft! Dann die nächste Straßenkreuzung. An einem Zebrastreifen erklingt ein Hupkonzert, auch hier ist die Stimmung aufgeheizt. Aus einer Motorhaube qualmt es. Die Köpfe der Fahrer hinter dem Sportwagen qualmen ebenfalls. Ich höre Schimpfwörter. Die Ampel scheint außer Betrieb. Wie nervig! Was für ein fürchterlicher Abend! Totale Reizüberflutung, totales Chaos!

Endlich, ich erreiche das Rheinufer. Stehe ich nun schon neben mir, oder ist  das  Musik in meinen Ohren? Ein Saxophon reißt mich aus meiner hektischen Welt heraus und lockt mich mit vollen, tiefen Tönen hinüber zur Brücke.  Tatsächlich: An einem Pfeiler gelehnt steht da eine Musikerin, vielleicht Anfang dreißig. Sie gibt alles, legt ihr ganzes Gefühl in das Solo.  Sie spielt Grönemeyers “Halt mich”. Chapeau! Ich liebe dieses Saxophonsolo! Ich suche mir ein schattiges Plätzchen, schließe die Augen. Das Saxophon schnellt nach oben, nimmt die Höhen mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit, himmelwärts. Ein Solo für meine Seele. Als ich die Augen wieder öffne, merke ich: Der Rhein glänzt in der Abendsonne. Die Passanten, eben noch über die Hitze am Stöhnen, sie verstummen in der Nähe der Musikerin. Ich stimme mit Grönemeyer überein:  “Schön, dass es dich gibt.” Dann nehme ich den Weg neu auf und erreiche ganz entspannt den Grillabend mit Freunden, das Saxophon noch im Ohr. Es wird ein schöner Abend.

Innehalten. Zur Ruhe kommen. Prioritäten setzen. Dinge neu sehen und hören lernen.

Manchmal fällt das schwer. Wenn die vielen Stimmen draußen lauter sind als die innere Stimme. Wenn alles um einen herum hektisch ist – auch an weniger warmen Tagen. Dann brauchen wir solche Momente der Besinnung. Des Innehaltens. Momente, wo wir einfach nur Da sein dürfen. Solche Momente werden nicht geplant,sondern geschenkt. Es sind Momente der Gnade.
Auf der Terasse beim Hören des Liebslingsliedes an einem lauen Sommerabend. Bei einer Wanderung auf einen Berg und der Aussicht in ein weites Tal. In einer Kirche. Ganz still. Beim Enzünden einer Kerze. Bei einem Gebet zu dem Gott, der “Ich bin da”  (Ex 3,14) heißt. Bei dem ich da sein darf. Als Mensch. Ohne Funktion. Voller Leben.

Momente, die einem bewusst machen, wo man her kommt. Und wo man hin will. Momente, in denen man nicht im Strom schwimmt, sondern das Paddel ruhen lässt, um es anschließend auf ein Ziel hin steuern zu können.
Ich wünsche allen Manna-Leserinnen und Lesern solche Momente in der nun bevorstehenden Ferienzeit!

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

2 Kommentare

  1. Wunderbarer Bericht, Christopher

  2. JB, man kann diese Erfahrung nicht besser beschreiben!

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