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Glaube - Leben - Popkultur

Mehr als Fassade

westminster abbey, Foto: C. HoffmannLetzte Woche in London.  Eine Weltstadt zieht mich in ihren Bann, die dieses Attribut verdient hat. Denn eine Rolltreppenfahrt aus den Tiefen der Tube genügt, um Menschen aus verschiedensten Kontinenten und Kulturen zu erleben.  An der U-Bahn-Station „Westminster“ nahe des Big Ben angekommen, will ich mir jene anglikanische Kirche ansehen, in der auch Kate und  William vor zwei Jahren „Ja“ zueinander gesagt haben. Heute ist ihr frisch geborener  Sohnemann George gerade mal einen Tag alt. Doch es ist nicht die Tatsache, dass das englische Königshaus sich hier krönen und trauen lässt, die mich an der Westminster Abbey fasziniert. Es sind vielmehr die multikulturellen Märtyrer an der Westfassade. Hier sind Persönlichkeiten in Stein gemeißelt, die zu ihrer Lebenszeit wegen ihres Glaubens zum Stein des Anstoßes wurden:

Luther King, Romero, Bonhoeffer, foto: C.Hoffmann

V.l.n.r.: Luther King, Romero, Bonhoeffer

Der Baptistenpfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King ist da zu sehen, der für seine Überzeugung sterben musste, dass Gott jeden Menschen, unabhängig von seiner Hautfarbe und Herkunft, als sein Abbild erschaffen hat.  Oder der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der gegen die Nationalsozialisten  Widerstand leistete. Ebenso wie der Katholik Maximilian Kolbe, der in Auschwitz für einen Mithäftling in den Hungerbunker ging . Beide wurden von den Nationalsozialisten umgebracht. Auch der Befreiungstheologe Óscar Romero, der als Erzbischof in El Salvador für soziale Gerechtigkeit und politische Reformen eintrat und ermordet wurde. Und ebenso die mir bis dato völlig unbekannten anglikanischen Märtyrer Manche Masemola aus Südafrika  oder Wang Zhiming aus China,  die wegen ihres Bekenntnisses zum christlichen Glauben sterben mussten.

Mercy and peace, Foto. C.Hoffmann

Mercy and peace

Märtyrer, Zeugen – diese Begriffe klingen irgendwie heroisch und unerreichbar.  Doch die Aktualität der Zeitgeschichte, in die die Avantgarde an der Abbey hineingestellt ist, lässt mich die Figuren vom steinernen Sockel holen. Sie bleiben keine Büsten aus Beton, sondern sind Menschen, die in ihrer konkreten Situation einem inneren Kompass gefolgt sind. Auch dann, wenn für sie Nachfolge ein großer persönlicher Nachteil war. Während der Schreckensherrschaft der Nazis. Während einem Bus-Boykott in Montgomery im Bundesstaat Alabama. Während einer Militärdiktatur in San Salvador.
Und noch etwas fasziniert mich: Sie kommen aus den verschiedensten Teilen der Welt und gehören den verschiedensten Konfessionen an.  Dieses Westminster-Kunstwerk ist ein wahrhaft ökumenisches Œuvre.  Ein „melting-pot-Portal“ . Das passt nach London!  Die dargestellten Personen aus den verschiedenen Denominationen eint ihr Festhalten an den vier christlichen Tugenden, die die Westfassade einrahmen: Wahrheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friede. Sie eint der Glaube an einen menschgewordenen Gott, der sich mit uns solidarisiert hat, damit wir uns miteinander solidarisieren.

Ich gehe wenig später in die Westminster Abbey hinein und lausche dem „Evensong“. Ein wunderbares, anglikanisches Abendgebet, das heute von den Christ Church Cathedral Singers aus Oxford gesungen wird.  Dann wird aus dem Neuen Testament  vorgelesen:  “The next day Jesus decided to leave for Galilee. Finding Philip, he said to him, “Follow me.” (Joh  1, 43).
Als ich das Evangelium höre, fallen mir wieder Martin Luther King, Óscar Romero, Dietrich Bonhoeffer und Co ein. Sie sind ihrem Gewissen, und damit der Stimme Gottes in ihnen gefolgt.  Sie haben Entscheidungen getroffen, weil sie eine klare Option hatten: Die Option für die Armen. Die Option für das Leben. Die Option für das Evangelium.  Der freie Mensch des 21. Jahrhunderts steht ebenfalls vor zahlreichen Optionen. Die bleibende Frage, die die Westminster-Fassade einem jeden London-Besucher stellt, lautet: Wem folgst du?

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

1 Kommentar

  1. Sehr eindrücklich! Hoffentlich folgen auch wir Menschen des 21.Jahrhunderts der richtigen Option.

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