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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Dauerausscheider

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Samstagabend. Ich freue mich auf die Nachtschicht! Heute bin ich als Praktikant auf dem Rettungswagen, um mich in der Rolle des angehenden Assistenten zu üben. Das Team ist gut aufgestellt, wir mögen uns und können gut zusammenarbeiten. Dieses Wissen lässt mich gut gestimmt in die kommenden zwölf Stunden gehen. Der zweite Rettungswagen bietet ebenso nette Kollegen – das heißt, der Spaß auf der Wache ist garantiert. Sicher wird es viel zu lachen geben.

Die ersten sechs Stunden sind rum, bald ist Halbzeit. Und meine Motivation ist dahin. Ich will heim. Nein, einfach nur ins Bett. Denn irgendwie wurden wir von dieser Welt auserkoren, dem in der Nähe gelegenen Altenheim als persönlicher Seuchentransporter zur Verfügung zu stehen. Dieses Altenheim hat es geschafft: komplett isoliert bis auf zwei kleine Stationen, deren Erwähnung im Drama dieser Nacht keinerlei Beachtung verdient. Die Diagnose: Noro. Der Noro-Virus ist nicht der Freund des Menschen. Wäre er ein Mensch, ich würde den Mob anführen, der ihn mit Fackeln und Heugabeln bis ans Ende der Welt jagen würde. Noro führt zu Durchfall und Erbrechen, in der Regel gleichzeitig. Ich hatte ihn noch nicht, aber ein Kollege beschrieb den Krankheitsverlauf fast poetisch, vor allem aber zutreffend: „Am ersten Tag meinst du, du würdest sterben. Am zweiten Tag hoffst du, du würdest sterben.“

Wir sind schon wieder da für diese Nacht. Die beiden Damen, die das komplette Haus in dieser Nacht betreuen, nach wie vor freundlich. Sie kennen den Wahnsinn. Ich bin dankbar, dass ich in dieser Runde den Fahrer mimen darf. Das hat zur Folge: ich bleibe fernab des Geschehens und muss mich nicht im Ganzkörper-Overall und hinter Mundschutz vor dem hochansteckenden Noro-Virus verstecken. Als unser in die Jahre gekommener Patient sich umsetzen will vom Bett auf unsere Trage, frage ich mich, wonach das im Bett aussieht – richtig, genau nach dem, wonach es auch riecht! Das Gesicht meiner Kollegin, die tapfer neben ihm steht und ihren Dienst an der Menschlichkeit vollzieht, nimmt Formen an, die ohne äußere Geruchsstimulation gar nicht möglich sind. „Er ist Dauerausscheider, müssen Sie wissen.“ Wir wollten es nicht wissen.

Dauerausscheider wird Unwort dieser Nacht, die uns Schlaf, Kraft und Motivation kostet. Was uns in dieser Nacht auf Trab hält, ja, es ist die Rettungsleitstelle. Aber auch die gehörige Portion Ironie und die Gewissheit des Dienstplan-Dogmas: Die Ablösung wird kommen. Zähne zu beißen, Nase zu halten, Augen zu und durch. Ob es diese Schichten braucht, um nicht Opfer des eigenen Idealismus zu werden? Damit wir nicht untergehen in der eigenen Glorifikation als Alltagsheld? Ich glaube, es braucht sie nicht. Ich wasche mir die Hände, gerne eine extra Portion Seife. Ich höre mein Bett rufen. Zumindest für die kommende Stunde bin ich hier sicher vor der Welt und vor Dauerausscheidern.

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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1 Kommentar

  1. Es ist wie es ist: am ersten tag glaubst du, du stirbst und am zweiten willst du nur noch sterben.

    Er kriegt uns alle: die einen früher, die andern später. Und viele von uns auch gerne mal öfter

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