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Glaube - Leben - Popkultur

In deinen Toren werd’ ich stehen

USA2So eine Reise macht man nicht jedes Jahr. Vielleicht sogar nur einmal im Leben. Weil man die Zeit und das Geld einfach nicht so oft aufbringen kann. Und ein bisschen unsicher fühlt man sich ja trotzdem, wenn man so lange in einem fremden Land unterwegs ist. Ständig kontrolliert man, ob noch alles da ist. Kreditkarte, Mietwagenschlüssel, iPhone mit amerikanischer SIM-Karte und der essentiellen Booking-App. Ok, diese Features unterscheiden meine Reise ganz bestimmt von den klassischen Pilgerfahrten nach Rom, Santiago oder Jerusalem. Aber es dauert nicht lange, bis ich merke, dass mein dreiwöchiger Trip durch die USA trotzdem viel mehr bedeutet als Urlaub.

 

USA4Zum ersten Mal kommt mir dieser Gedanke im Stau südlich von Boston. “Fahren Sie auf den Pilgrim Highway” sagt die blecherne Stimme aus dem Navi. Natürlich ist es die Straße, die nach Plymouth führt, zur ersten Siedlung der Pilgrim Fathers, denen jedes Jahr an Thanksgiving unzählige Truthähne ihren Tod verdanken. Das Motiv des Pilgers spielt nicht nur in den Gründungsmythen der USA eine Rolle. Auch die Expansion nach Westen oder das Genre des Roadmovies lassen sich als individuelle oder kollektive “Pilgerfahrten” erzählen. Als Wandern des Volkes Gottes durch die Zeit.

 

USA3Also fahre ich im Schritttempo auf den Pilgrim Highway auf. Bin ich da nicht längst? Ich wollte unbedingt einen Roadtrip durch die Staaten machen. Nicht die gern genommene “New-York-mit-Abstecher-nach-Washington”-Tour. Nicht die zwei Wochen am Strand von Neuengland, wo Amerika für Europa noch schön leicht verdaulich ist. Ich wollte das alles auch, aber ich wollte mehr sehen von dem Land, dessen Geschichten in Kino, Fernsehen und Stadien mich immer wieder begeistern und an dem mir trotzdem so vieles fremd bleibt. Pilgern kann man nicht in seiner Heimat. Vielleicht kann man es auch nur im Stop-and-Go-Modus, wie wir es an diesem Freitagabend zwischen tausenden von Pendlern und Wochenendurlaubern in Richtung Cape Cod tun. Man merkt gar nicht so recht, dass man sich vorwärts bewegt. Sinkende Kilometerzahlen bis zum Ziel zeigen wie sonst die wachsende Zahl grauer Haare, dass der Stillstand nur scheinbar ist.

 

USA5Durch 14 Bundesstaaten führt uns die dreiwöchige Reise. Manche davon streifen wir nur im Auto auf einer Interstate, in anderen haben wir Gelegenheit Menschen zu begegnen und etwas von Ihren Geschichten zu hören. Wie von Tim, der ein kleines Motel tief in den Wäldern von Maine betreibt. Als ich auf seine Frage nach meinem Beruf etwas unsicher mit “I’m a Catholic chaplain” antworte, weil ich nicht glaube, dass eine Übersetzung von “Pastoralassistent” weiterhilft, leuchten seine Augen und der vielleicht 70-Jährige berichtet stolz, dass er Methodist ist. “I believe in the power of prayer – I think it makes a difference”.

 

USA1Anders als bei den meisten Pilgerfahrten liegt bei uns das Hauptziel nicht am Ende, sondern in der Mitte. New York ist mein Jerusalem. Ich war diesen Sommer zum ersten Mal dort und doch glaubte ich, in eine mir bekannte Stadt zu fahren, als der Subway uns über die Queensboro Bridge trägt. So wie ich bei dieser Brücke daran denken muss, dass sie in James Pattersons “Und erlöse uns von dem Bösen” in die Luft gesprengt wird, verbinde ich fast an jeder Ecke mit den Gebäuden und Straßennamen eine Geschichte. Manchmal fiktive, wie dem schmucken Stadthaus im Village, das als Kulisse für “Friends” diente, mal sehr reale, wie dem Memorial Garden am Standort des World Trade Center, das mich für einen Augenblick wieder fühlen lässt wie damals mit 18 vor dem Fernseher, als die Flugzeuge in die Türme flogen. Obwohl ich noch nie selbst in dieser Stadt war, ist vieles von ihr ein Teil meiner Geschichte – und der von Millionen anderer Menschen. So wie man sich früher abends am Feuer Geschichten über die heilige Stadt Jerusalem erzählte, habe ich tausende Geschichten über New York gehört. In beiden Fällen wird das Bild im Kopf größer als die Realität. Denn natürlich spricht keiner über den Mief in den U-Bahn-Schächten und heruntergekommene Straßenzüge in Queens – weil wir sowieso wissen, dass es die gibt.

Als wir unseren Mietwagen in der Südstaatenmetropole Atlanta abgeben, wo ich das Amerikanisch der Kellnerin kaum verstehe und Martin Luther King vor 50 Jahren auch versuchte, anderen Menschen von Gott zu erzählen, gehe ich in Gedanken nochmal jeden einzelnen Tag durch. Jeden Ort, an dem wir waren, jeden Bundesstaat, jeden Strand und jedes Gesicht, an das ich mich erinnern kann. Dann schaue ich auf den Tacho. Über 4200 Kilometer haben wir hinter uns gebracht. Ziemlich genau so weit wie von Aachen nach Jerusalem.

Christian Schröder

Christian ist Gründer von Manna und liebt gute Geschichten und beide Sorten Football. Seit 2013 ist er geistlicher Leiter von kafarna:um, einer Hauskirche für Jugendliche und junge Erwachsene in Aachen.

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1 Kommentar

  1. Ein toller Text. Respekt.

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