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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Kämpfer

Quelle: M.E. / pixelio,de

Quelle: M.E. / pixelio,de

Ihre Beine sind taub. Seit zwei Tagen. Das Gehen fällt ihr schwer. Kleine Schritte sind möglich. Dass sie vorwärts kommt, glaubt sie nicht. Stillstand, Resignation. Damit diese Realität nicht so schmerzt, wird sie gehüllt in viel Angst mit einem kleinen Funken Hoffnung. Der Krebs, der ihren Körper befallen hat, breitet sich aus – hat den Rücken und die Wirbelkörper erreicht. Er versucht, sie zum Fallen zu bringen. Sie versucht, tapfer zu sein.

Ich kann laufen. Sportlich nicht gerade das, was für mich im Moment nötig wäre, um mich fit zu halten, aber ich kann mich ohne größere Probleme fortbewegen. So eben noch vom Futtertrog auf das Bett, ehe uns der Melder zu diesem Einsatz zitiert: eine Klinikverlegung. Na ja, der Verdauungsschlaf wäre jetzt auch genehm gewesen. Aber die Anfahrt ist kurz, die Entfernung nicht der Rede wert. Die Begegnung, die mir bevorsteht, ehrlich: denn ohne Umschweife zeigt sie mir, wie belanglos meine Probleme gerade sind.

Wir sitzen uns gegenüber für diese wenigen Minuten: die Frau mit dem Krebs, die kaum noch laufen kann, und der junge Rettungssanitäter, dem die Linsensuppe eine angenehme Wärme aufgrund diverser Verdauungsvorgänge in den leicht gespannten Bauch zaubert. Ich frage, wie es ihr geht. Ich interessiere mich für ihren Zustand, und bewege mich auf dünnem Eis. Sie enttarnt meine Floskeln. Die anstehende OP wird es in sich haben, entscheiden über Querschnitt oder der neuen Chance, wieder frei zu laufen.

„Ich drücke Ihnen die Daumen, dass alles gut verläuft.“ „Das sagen Sie doch öfters. So viele Daumen haben Sie gar nicht, die Sie drücken müssen, können, wollen.“ Schluck. Eigentlich sieht das Drehbuch meines Filmes an dieser Stelle ein schlichtes Danke vor. „Ja, ich habe nur zwei. Und trotzdem meine ich es ernst. Und wenn für jeden nur ein kleines Bisschen drücken übrig bleibt, so ist es das, was ich tun kann.“ Touché.

Dass ich gerade mit meinen Worten ringe, scheint sie zu merken. Ihr Blick ist müde, ausgelaugt, doch er fordert mich heraus. Dass wir vom Rettungsdienst wahrlich nicht immer Leben retten können und es sicher nicht immer schaffen, dass Menschen wieder gesund werden, – so meine weiteren Ausführungen, die sich stotternd und wohl überlegt ihren Weg bahnen – das schaffen wir nicht. Aber dass wir stets unser Bestes geben, ehe Patienten in der Klinik versorgt werden, und wenn es nur ist, dass sie auf dem Weg dorthin nicht alleine sind. Wie jetzt gerade. Die Antwort ist ebenso schlicht wie unerwartet: „Sie scheinen den richtigen Beruf gewählt zu haben.“

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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