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Glaube - Leben - Popkultur

Heimat finden

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Copyright: Concorde Filmverleih 2013/ERF

 

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Familie Simon aus Schabbach im Hunsrück. Copyright: Concorde Filmverleih 2013 / Nikolai Ebert

Es ist Samstagabend und ich besuche das Provinzkino in Simmern, einer Kleinstadt im Hunsrück. Aber hier ist heute ganz großes Kino angesagt , denn es läuft der Film „Die andere Heimat“. Wer nun an einen volkstümlichen Schwank mit einer Extraportion Lokalkolorit denkt, hat weit gefehlt.
Es ist ein Film, der in Venedig auf den Filmfestspielen mit frenetischem Beifall gefeiert wurde. Ein Film über den Andreas Kilb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt: „Der schönste deutsche Spielfilm seit langem.“ Ein Film, den Ingo Zamperoni in den “tagesthemen” mit einer begeisterten Anmoderation beginnen lässt.

Der Simmerner Kinositz katapultiert mich in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als Hunderttausende  wegen Hungersnot, Armut und Willkürherrschaft den Hunsrück verlassen. Auf der Suche nach einem besseren Leben in Südamerika. Vier Stunden lang erzählt Regisseur Edgar Reitz das Leben der Familie Simon im Hunsrückdorf „Schabbach“.

Er tut das mit einer Intensität und Geduld, die eintauchen lässt in jene Jahre, in der die Not groß war. Das gelingt durch eine mitreißende Kameraführung von Gernot Roll. Durch filigrane Farbeffekte, die der Hoffnung eine zeitlose Dimension verleihen. Und durch die herausragenden Darsteller Marita Breuer (Margarethe), Maximilian Scheidt (Gustav) und ganz besonders Jan Dieter Schneider (Jakob), der als Protagonist die personifizierte Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit und Würde verkörpert. Der zeigt: Leben ist mehr als Überleben. Und der als gebürtiger Hunsrücker zum ersten Mal in einer Hauptrolle das Kinopublikum begeistert ohne vorher Schauspielunterricht genossen zu haben. Schneider vollbringt hier eine darstellerische Leistung, die ihresgleichen sucht. Und das in Wort und Bild: Denn er gibt dem Jakob Simon nicht nur dann einen vor Lebendigkeit strotzenden Charakter, wenn er zu sehen ist. Durch seine virtuose Erzählstimme nimmt er auch den Zuschauer immer wieder mit in das Geschehen rund um seine Familie und die damalige Zeit.

Jan Dieter Schneider in seiner herausragenden Darstellung des Jakob Simon aus Schabbach. Copyright: Concorde Filmverleih/Christian Lüdeke

Jakob Simon (herausragend dargestellt von Jan Dieter Schneider) will nach Brasilien. Copyright: Concorde Filmverleih/Christian Lüdeke

Mir selbst stellt der Film eindrücklich vor Augen, wie entbehrungsreich meine Vorfahren vor fünf oder sechs Generationen gelebt haben. Im Kampf um das tägliche Brot. Mit dem Gedanken, den Planwagen zu packen und aufzubrechen in ein unbekanntes, fremdes Land. Viele sterbende Kinder, Frauen und Männer in jedem Dorf, die den harten Winter oder Seuchen nicht überlebten. Aber „Die andere Heimat“ ist nicht nur interessant für historisch interessierte Hunsrücker. Es ist ein Stück über den Menschen und seine Würde.

Eine Woche später sehe ich wieder die „tagesthemen“. Diesmal ist Ingo Zamperoni todernst. Er kommentiert die schrecklichen Bilder aus Lampedusa. Auch hier:  Menschen, die aufgebrochen sind, um in einem fernen Land neu anzufangen. Weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden oder verhungern. Weil sie keine Heimat mehr haben.  Menschen, die auf dem Weg dorthin auf tragische Weise ums Leben kommen. “Eine Schande”, nennt es Papst Franziskus im Fernsehbeitrag mit bebender Stimme.
Ja, „die andere Heimat“ ist ein zeitloses Thema. Ihre Protagonisten heißen heute nicht Jakob oder Gustav Simon. Sie heißen heute Murat aus Syrien. Tatjana aus Rumänien. Aziza aus Somalia. Oder Jorge aus Spanien. Sie stranden nicht an der südamerikanischen Küste. Sie klopfen an die Türen Europas und Deutschlands.Vielleicht leben sie schon neben dir und mir.  Auf der Suche nach einer Heimat. Auf der Suche nach Leben und Würde.

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Aufbruch in eine andere, ungewisse Heimat. Copyright: Concorde Filmverleih 2013/Nikolai Ebert

 

 

Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann ist Pastoralreferent im Rheinland. In seiner Freizeit macht er gerne Musik in einer Band und im Bonner Jazzchor. Neben musikalischen Manna-Momenten sucht er besonders auch in der Begegnung mit Menschen nach Gottes Spuren in unserer Welt.

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