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Glaube - Leben - Popkultur

Time Out: Knockin on heavens door

TimeOut-sidebar

Quelle: M.E. / pixelio,de

Ich hab Kopfweh und bin müde. So hatte ich mir den Sonntagabend und den Wochenendausgang gar nicht vorgestellt: spontan eingesprungen auf die Nachtschicht, da kurzfristig ein Kollege ausgefallen ist. Kaum eine Stunde im Dienst, auch schon wieder längst im Einsatz.

Wir sind der Promille-Bus. Ich fahre den RTW zurück in Richtung Rettungswache. Aus der Notaufnahme des Krankenhauses, das wir eben angefahren haben, fahren wir einen Patienten nach Hause, der entlassen wurde. Dort hatte er die letzten Stunden zugebracht. „Hilflose Person“, ein Einsatzstichwort, hinter dem sich unter anderem er verbirgt: ein chronisch Alkoholabhängiger, der Sonntagsmittags Gitarre spielend im Stadtpark sitzt und die Sonne nicht vertragen hat. Nun geht es nach Hause. Standgas. Ich bin angenervt.

Im Rückspiegel sehe ich unseren Gast auf dem Begleiterstuhl sitzen. Er grinst. Es geht ihm gut ab, nach Hause chauffiert zu werden. Mein Kollege nimmt den Einsatzauftrag wesentlich sportlicher – und fordert ihn auf, doch wenigstens etwas Musik zu machen. Was von außen wie ein Rettungswagen aussieht, verwandelt sich innen in eine spontane Juke-Box in der Akustikversion. Begeistert und die im Blut rauschenden Promille ignorierend gibt er ein Best of seiner selbstgeschriebenen Songs sowie der Lagerfeuer-Klassiker.

Meine Finger wippen am Lenkrad und ungläubig schüttele ich immer wieder grinsend den Kopf. Die Stimmung steigt. „Wir sind gleich da. Können wir uns noch was wünschen? Etwas, das wir gut mitsingen können?“ „Klaro!“ Er genießt es, spielen zu können. Ein wenig Anerkennung als Mensch, gemeinsames Musizieren, zusammen Lachen. Ich kann mir vorstellen, dass ihm dies selten zuteil wird. Dem Alki. Dem Psycho.

Ich rufe nach hinten „Knockin’ heaven’s door!“ – „Kannste das?“ „Logo.“ Und schon erklingt das Gitarrenintro zum Lied. Und er gibt sein Bestes, flaxt immer wieder dazwischen und während mein Kollege mit einstimmt, bremsen mich meine Kopfschmerzen aus. Dennoch, die Situationskomik und die Ehrlichkeit des Momentes geben Kraft. Was mich auf der Schicht heute noch erwartet?

Ebenso wenig wie ich heute Mittag davon ausgegangen bin, heute noch zu arbeiten, ebenso wenig habe ich zu Dienstantritt erträumt, ein kleines Privatkonzert zu erhalten. Ich grinse, schüttele immer noch den Kopf, werfe mir eine Kopfschmerztablette ein und mache mich auf den Weg zum RTW. Es geht weiter, zum nächsten Einsatz, auf in die Nacht.

 

 

Jan Derr

Jan Derr ist Diplom-Theologe und Auszubildender zum Rettungsassistenten. Einmal im Monat berichtet er für Manna in „Time Out“ über Kuriositäten und Alltägliches, Tiefgänge und scheinbar Banales aus dem Rettungsdienst-Leben, das uns allen womöglich viel näher ist als wir meinen.

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